Hinter den Kulissen der Wahlkampffotos: Was im Fotostudio wirklich geschah…
Es ist ein schöner Frühlingsmorgen, als Marc mit seinem Golf Cabrio in den Hof des ehemaligen Fabrikgebäudes in Berlin-Mitte einbiegt. Exakt neun Uhr, verrät ihm ein Blick auf seine Uhr, als er das Auto mit dem Schlüssel abschließt. «Fotoatelier Marc Peiske» steht eingraviert in Stahl auf dem schönen Eingansschild neben dem Aufzug, mit dem er in die Loft-Etage fährt.
«Ob diese Wette wirklich so eine gute Idee war» denkt sich Marc und bekommt langsam Zweifel an seiner eigenen Courage, während die schwere Eisentüre des Fahrstuhls schließt und er langsam in den fünften Stock hinauffährt.
Julia, seine Assistentin, begrüßt ihn wie immer freudestrahlend mit einem Latte Macchiato in der Hand. «Willst Du auch einen?», fragt sie ihn. «Ja, aber heute mit doppeltem Espresso», antwortet Marc, als Doreen, seine Grafikerin zur Tür hineinkommt. «Tach, wa», schmeißt sie mit ihrem typischen, etwas prolligen, aber dennoch irgendwie liebenswerten Berliner Akzent in die Runde.
«Diese Fotos nehmen die mir niemals ab», denkt Marc, als er das Teleobjektiv an seine Canon-Digitalkamera aufsetzt und zum Test zwei, dreimal gedankenverloren den Auslöser drückt.
Vier Monate ist es jetzt her, an einem kalten Januarabend, als er mit seinem Freund Christian und geschätzten dreizehn leeren Bierflaschen im 103 in Mitte saß. Christian, seines Zeichens Politikwissenschaftler, klagte ihm sein Leid über diverse Praktika bei unerträglichen Landtagsabgeordneten und seiner Zeit im Berliner Rathaus.
«Otto Schily hat angeblich mal auf einem Politikerspitzenkongreß auf die Frage, was man denn am besten für eine umfassende Verwaltungsreform und -verjüngung tun könne, geantwortet: Am besten hier bei eine Bombe reinschmeißen», zitierte er. «Und wenn ich schon an die Berliner Wahlen dieses Jahr im Herbst denke, dann könnte ich kotzen. Da kann man doch nur zwischen Versagern wählen.» Marc konnte dem nicht ganz widersprechen, hatte er doch auch öfters Kontakt mit dem einen oder anderen Politiker, den er ins rechte Licht setzen sollte. «Weißt Du, eigentlich müßte man es ihnen mal richtig heimzahlen», sagte Christian. «So daß das ganze Volk merkt, wie die alle wirklich sind – nur sie selbst nicht», philosophierte er biergeschwängert weiter. «Na, und wie willst Du das anstellen? Willst Du Plakate drucken, oder was?», fragte Marc. «Gar keine schlechte Idee», antwortete Christian mit einem diabolischen Funkeln in den Augen. «Aber nicht ICH werde das tun, sondern die Parteien selbst. Und DU wirst mir dabei helfen!»
Marc schaute skeptisch: «Wie soll ICH Dir denn dabei helfen?» «Ganz einfach – Du wirst Dich als Fotograf bei allen Parteien für die Wahlkampffotos im August bewerben. Das wird Dir ja bei Deinen Referenzen für Politikerfotos ja nicht schwerfallen. Und dann verkaufst Du ihnen die scheußlichsten Fotos und behauptest, genau so müsse das aussehen, das sei jetzt modern.», elaboriert Christian. «Quatsch, das kaufen die mir niemals ab!» «Wetten, daß doch? Wenn Du Dich traust, dann spendiere ich zur Wahl eine Kiste Dom Perignon.» Marc lachte. Er fand die Idee zwar völlig schwachsinnig, aber warum nicht. Dazu bringt es ihm schließlich auch Geld. «Gut, einverstanden. Aber das wird nie etwas.»
Diese Meinung mußte Marc schließlich revidieren, als ihm reihenweise Zusagen für die Wahlplakatfotos ins Haus flatterten. Ihm fing der Plan an, zu gefallen. Er weihte Julia und Doreen in den Plan ein. Während Julia zwar etwas skeptisch war, freute sich Doreen schon geradezu diebisch darauf, ihre Photoshop-Künste endlich mal auch für die dunkle Seite der Macht einsetzen zu können.
Alles war also vorbereitet. Die Falle schnappte zu. Marc freute sich diebisch auf das erste Shooting …

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