Der große DSdfW-Wahlplakatcheck: Ingeborg Junge-Reyer, Sigrid Klebba


Hinter den Kulissen der Wahlkampffotos: Was im Fotostudio wirklich geschah…

[Zur Vorgeschichte]

«Mpf … wer issn morgen dran», fragt Doreen hinter ihrem Mac vorschauend und ein Ciabattabrötchen mit Mozarella und Tomate essend.

Julia weist sie kichernd darauf hin, daß sie «da etwas Pesto im linken Mundwinkel» hat. «Ick mag es lieber so», antwortet Doreen rotzfrech.

«Diesmal ist die SPD dran», sagt Marc, während er sein neues Objektiv in Augenschein nimmt, welches gerade per Post geliefert wurde. «Zwei Frauen» ergänzt Julia, «Frau Sigrid Klebba und …» – sie fängt leicht an zu prusten – «Ingeborg Junge-Reyer». «Reyer», wiederholt Doreen, um die Lustigkeit des Wortwitzes zu unterstreichen.

«Ist es eigentlich Einstellungskriterium in der SPD, einen möglichst abstrusen Doppelnamen zu tragen, um die emanzipierte Weiblichkeit unter Beweis zu stellen?», fragt Marc in die kompetente Frauenrunde.

«Was macht man eigentlich, wen eine SPD-Politikerin mit Doppelnamen lesbisch wird, eine andere SPD-Politikerin mit Doppelnamen heiratet und die dann ein Kind adoptieren? Heißt das Kind dann Luzia Henrietta Junge-Reyer-Wieczorek-Zeul?», philosophiert Julia. Alle prusten los.

«So, jetzt aber mal wieder ernsthaft.», ermahnt Marc. Wann kommen die beiden denn? In diesem Moment klingelt das Telefon.

«Fotoatelier Peiske, Julia am Apparat, was kann ich für Sie tun?» flötet sie ins Telefon. «Ah … ja … achso … nicht … ja … zwei Termine … ja, das können wir dann nachbearbeiten … kein Problem .. ja, gern … wiederhören!»

«Was war?», fragt Marc. «Frau Ingeborg Junge-Reyer und Frau Sigrid Klebba sind anscheinend zwei SO beschäftigte Politikerinnen, daß sie es nicht mal hinkriegen, einen gemeinsamen Termin zu finden. Doreen, da mußt Du wohl mit Photoshop ran.», antwortet Julia.

«Na, jetzt bin ick aber gespannt», ruft Doreen und startet ihren Webbrowser. “Junge Reyer SPD” tippt sie in Google ein und wenige Sekunden später hört man einen spitzen Entsetzensschrei.

«Nein, Marc. Dit mach ick nich. Ick verlange zumindestens Jefahrenzulage. Wenn ick da mit Photoshop hantieren und mindestens vier Stunden druffgucken muß, ey, dit is ja visuelle Körperverletzung. Und die is ooch noch Senatorin für Stadtentwicklung hier in Berlin. Ey, da wundert mich ja nischt mehr, daß dit mit der Stadt sich nich so richtig entwickelt.»

«Tröste Dich», ruft Julia, die inzwischen “Sigrid Klebba SPD” bei Google eingegeben hat, «die Andere ist auch nicht deutlich besser.» «Aus Schwaben. Und auch noch Sozialpädagogin», ergänzt Doreen. «Davon wird unser Land regiert, wa. Allet Lehrer und Sozialpädagogen.»

«So, wann kommt die erste denn», fragt Marc. «Heute, 14:00 Uhr. Die Junge-Reyer», antwortet Julia.

Um 13:58 fährt der Mercedes-Dienstwagen der Senatorin für Stadtentwicklung vor. «Na, dit kotzt mich ja schon gleich wieder an. Wozu braucht die so nen Fahrer?», regt sich Doreen auf, als sie aus dem Fenster schaut. «Immerhin fährt der mit Erdgas», ergänzt Julia.

«Ick fänd ja anjemessener, wenn die nicht mit Erdgas fährt, sondern vor allem selbst, wa. Bei der Haushaltslage.»

«Jetzt regt euch nicht auf, seid hübsch freundlich. Doreen, Du kannst Dich dann ja mit Photoshop rächen.», sagt Marc.

«Herzlich willkommen, Frau Junge-Reyer. Möchten Sie gerne einen Kaffee?», begrüßt Julia die Wahlkämpferin und versucht beim Aussprechen des Doppelnamens nicht zu lachen.

«Sehr gern. Es gibt da sowieso einige Dinge, die ich gern mit Ihnen durchsprechen würde fürs Foto.» «Sehr gern, ich bin Marc Peiske, der Fotograf», stellt sich Marc vor. «Guten Tag. Also, erstmal sollen wir ja zu zweit aufs Bild, die Frau Klebba und ich. Direkt so gemeinsam lächelnd. Dabei ist es aber ganz wichtig, daß ich auf dem Foto ein wenig größer bin als Frau Klebba. Sie wissen ja, ich bin schließlich Senatorin.»

«Dit jeht klar», ruft Doreen etwas vorlaut hinter ihrem Mac hervor.

«Und dann möchte ich nicht so einen langweiligen roten Hintergrund, wie die anderen SPD-Politiker. Wissen Sie, ich fände etwas aus der Stadt ganz nett. Etwas flottes. Die Oberbaumbrücke zum Beispiel.» «Ja, das läßt sich einrichten», bekräftigt Marc, «das haben wir bestimmt im Archiv.»

«Und dann – ganz wichtig – die Aufschrift. Wir wollen ja drauf hinweisen, daß sich Friedrichshain und Kreuzberg ganz toll als zusammengehöriger Bezirk verstehen. Das ist ja auch bei den Bürgern inzwischen völlig akzeptiert. «Selbstverstädlich», bekräftigt Marc. «Und daher habe ich mir folgenden Spruch ausgedacht: “Ein Bezirk – zwei starke Frauen”. Was halten Sie davon?» «Das ist … toll», sagt Julia und Marc bemüht sich schnell und ergänzend mit dem Kopf zu nicken. «Und bei der Beschriftung wollen wir uns auch ganz jung-dynamisch geben. Dieses Webadressendingsbums da …», «Der URL» ergänzt Marc, «ja, genau das, also, das soll spx-xhain.de heißen. X-Hain, sie verstehen schon, wegen KREUZberg und friedrichsHAIN. Hahaha.» Marc lacht gequält mit. «Und die Aufschriften bitte ein bisschen schräg, nicht so langweilig gerade wie mit dem Lineal ausgerichtet.

«Alles klar», sagt Marc. «Wollen wir dann mal loslegen?»

«Ja. Und noch eine Frage, das sieht man auch garantiert nicht, daß das Bild so elektronisch zusammengesetzt ist?»

«Meine reizende Assistentin Doreen ist da quasi Expertin drin. Seien Sie ganz unbesorgt. Das sieht ganz natürlich aus, als stünden sie beide direkt vor der Oberbaumbrücke.»

Sie gehen zusammen ins Fotostudio, Julia zupft ihr die Frisur zurecht und denkt dabei darüber nach, ob sie selbige aus den 80er Jahren geklaut hat. «Na, immerhin sind die Augenbrauen anständig gezupft», flüstert ihr Doreen ins Ohr.

«Dann wollen wir mal. Sie kommen auf die rechte Seite im Bild, also bitte mir etwas die Schulter zudrehen. Vielleicht könnten Sie ja keck ein wenig die linke Augenbraue heben … ja, genau so. Ganz toll. Jetzt noch ein bisschen lächeln, aber nicht zuviel, nur daß man so gerade ihre Zähne vorblitzen sieht.»

«Aber ist meine Brille nicht etwas schief?»

«Neinnein, das wirkt dynamisch. Das muß so.»

«Na, dann…»

·blitz·

«So, das haben wir im Kasten. Wir bearbeiten das dann nach, fügen Ihre Kollegin und den Hintergrund ein, und dann geht das direkt an die Druckerei.» «Ja, vielen Dank.»

«Soll ich Ihnen ein Tax…» will Julia gerade ansetzen, bis ihr die Nummer mit dem Erdgas-Dienstwagen einfällt.

«Nein, ich sage schnell meinem Fahrer Bescheid. Sie müssen nämlich wissen, mein Dienstwagen wird mit Erdgas betrieben.»

Marc lächelt anerkennend und bringt sie zum Aufzug.

«Das wäre geschafft». «Ey, beide zusammen, dit is ja nen Duo Infernale. Und dann ooch noch mit der abgelutschen Oberbaumbrücke, mannmannmann.»

«Wann kommt Frau Klebba?» «Morgen, 13:00 Uhr».

(…einen Tag später…)

«Ah, wieder mit Taxi. Ick sach nur Wahlkampfkostenerstattung. Allet unsere Steuerjelder», schwadroniert Doreen.

«Guten Tag, Frau Klebba. Möchten Sie einen Kaffee oder sollen wir gleich anfangen?» «Ja, wir können gleich anfangen, aber vielleicht einen Hinweis noch. Also, ich bin ja zusammen mit der Frau Junge-Reyer im Bild, und … nunja… also, klar verstehen wir uns gut, kollegial und so, aber es wäre toll, wenn ich irgendwie so einen Tick freundlicher als sie auf dem Bild rüberkommen könnte. Sie verstehen?» Sigrid Klebba zwinkert Marc zu, der fast reflexartig zurückzwinkert.

«Dann wollen wir mal.» «Wie soll ich Ihnen ihre Frisur zurechtmachen?», fragt Julia im Studio. «Ach, die Haare können ruhig etwas jugendlich-frech über die Stirn hängen.» «Gut. Vielleicht könnten wir aber einen etwas anderen Lippenstift nehmen, der glänzt so etwas …»

Entrüstet entgegnet Frau Klebba: «Das ist mein Lieblingslippenstift, schon seit über 10 Jahren.» «Schon gut», rudert Julia zurück, «wir müssen es ja eh nachbearbeiten.»

«So, dann wollen wir mal. Schön die Zähne zeigen, Frau Klebba. Läch-eln. Ja, genau so… rechte Schulter nach vorn, Kopf leicht schräg, ja.»

«Findest Du die Haare nicht zu sehr auf der Stirn?», flüstert Julia? «Ruhe», sagt Marc.

·blitz·

«Toll, das haben wir im Kasten.» «Ja, dann vielen Dank für Ihre Mühe, und Sie wissen ja, wäre schön, wenn wir ein Foto nehmen könnten, wo ich ganz freundlich-lächelnd und so … also mehr als die Frau Junge-Reyer.»

«Schon klar», zwinkert Marc und begleitet Frau Klebba zum Aufzug.

«Ey weeßte, die beeden mit den Halsketten, die wirken so modern-frisch-jungendlich wie die Fototapete meiner Oma, wa.», ergänzt Doreen, als der Aufzug losfährt.

«Tja, ich würde sagen, beste Aussichten für den Dom Perignon», lacht Marc, als Christian auf dem Handy anruft. «Und, wie liefs?»

«Ja, ich würde sagen, die Sache ist im Kasten. Gestern habe ich übrigens die Druckfreigabe für Florian Graf gekriegt.» «Toll, Marc! Ich geh langsam schonmal Champagner kaufen. Wer ist denn als nächstes dran?» «Och, so ein junges Huhn von dieser WASG. Lucy Redler heißt die. Wir freuen uns schon …»

Julia geht zur Espressomaschine und summt dabei leise «Lucy in the Sky with Diamonds».

Wahlplakat Ingebord Junge-Reyer und Sigrid Klebba, SPD

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