«Prediction is very difficult, especially about the future»
— Niels Bohr

Analysten sind eine tolle Erfindung. Das ist eine Gruppe hochbezahlter Leute, die den unerfüllbaren Job machen sollen, die Zukunft vorherzusagen. Daß das nicht geht, das weiß eigentlich jeder genau, aber es gibt immer wieder Leute, die das trotzdem toll fänden.
Diese Leute fangen in Ihrer Jobbezeichnung auf der Visitenkarte mit dem Buchstaben «C» an, dann folgt ein nahezu beliebiger Buchstabe von A bis Z, bis das Akronym schließlich mit dem Buchstaben «O» endet.
Diese CxOs wollen also «fundierte Entscheidungsgrundlagen für ihr Geschäft» haben. Und genau die liefern ihnen die Analysten auch. Dafür zahlen die CxOs auch brav ganz viel Geld dafür, denn falls die Zukunft erstaunlicherweise nicht wie gewünscht eintrifft, kann man sich dann darauf herausreden, daß der Analyst ja das gleiche gesagt hat.
Nun müßte man denken, daß diese Analysten gottähnliche Wesen sind, die mit Hilfe von für uns Normalsterbliche völlig unbekannten Analysetechniken monatelang bestimmte Mikroaspekte von Märkten und Technologie analysieren, um daraus schließlich ihre messerscharfen Schlüsse zu ziehen.
Bullshit.
Was bei dieser Analysetechnik ziemlich wichtig ist, ist vor allem: Geld. Nämlich das, was man an die Analysten-Unternehmen abliefert, damit sie einem wichtige Untersuchungen erstellen, die einem zeigen, wie man sein eigenes Unternehmen ganz groß nach vorn bringen kann. «Beratungsdienstleistungen» nennt man das dann im Jargon, denn die Analysten haben bei ihrer schweißtreibenden Arbeit ja bereits SO viele Erfahrungen gesammelt, daß sie höchst wertvolle Inputs für das eigene Unternehmen liefern können.
Diese Papers, die bei den Beratungsdienstleistungen herauskommen, dürfen auch durchaus mal einige Euronen kosten, ihr Inhalt ist aber weitestgehend irrelevant. Sie sind eigentlich nur ein Feigenblättchen, damit auf der Rechnung anstatt des häßlichen Eintrages «Bestechung für das Erstellen einer geschönten Studie» die wesentlich besser klingenden Worte «Untersuchung der Entwicklungspotentiale zur Markteinführung neuer Produktlinien» steht. Der Effekt bleibt aber gleich, man besticht die Analystenfirma – und der Analyst schreibt wohlmeinend in seiner nächsten Vergleichsstudie über die Produkte desselben Unternehmens.
Und komme mir jetzt bitte nicht einer mit dem Stichwort “Chinese Wall”. Ich habe sie alle gesehen, während der New Economy Hypezeit. Die Studienvertickerer, die sich das gleiche Büro mit dem Analysten teilen.
Ich habe auch – gerade bei Softwareprodukten – noch nie einen Analysten gesehen, der sich das Produkt auch tatsächlich selbst im Detail angesehen und auseinandergenommen hat. Warum auch? Steht ja alles im Datasheet des Herstellers. Und wenn man ein besonders gründlicher Analyst ist, dann besucht man halt den von der Firma empfohlenen Referenzkunden und läßt sich beim Rotweindinner erzählen, wie großartig die Software funktioniert und läuft. Und die Kostenersparnisse erstmal. Sensationell.
Kurz: Das ist alles Lug und Betrug, und jeder weiß es. Erstaunlichweise stehen dann auch so typisch mittelständische Firmen wie IBM, SAP und Microsoft bei solcherlei Rankings von Softwareprodukten ganz oben - obwohl man genau weiß, bei wievielen Projekten sie großflächig Millionenbeträge versenkt haben.
Lustig ist nur dabei, daß der CxO von Welt dann tatsächlich auch selbst an diese Vergleichsstudien glaubt, für die er sogar selbst (oder seine Marketing-Anja-Tanja) kräftig bezahlt hat. Das ist Hirnonanie deluxe. Unnötig zu erwähnen, daß die Studien selbst dann natürlich ebenfalls noch mal viel Geld kosten.
Damit aber die Analysten auch bei den anderen Firmen, welche nicht zu Schutzgeldzahlungen bereit sind, als wichtig und hochangesehen gelten, müssen sie regelmäßig ein paar kleine Studienhappen kostenlos veröffentlichen, auf daß diese auch direkt ins Kleinhirn des Vorstands gehen – vorzugsweise als übersichtliche Grafiken, die dann auch brav von den Content-suchenden Schreibsklaven der IT-Postillen-Industrie abgedruckt werden.
Und einige Analysten wie z. B. die Gartner Group nehmen sogar tatsächlich kein Blatt vor den Mund, und nennen diese Grafik dann auch noch “Hype-Cycle”. Nomen est omen. Aber warum man Bullshit-Grafiken wie die obenstehende straffrei veröffentlichen darf, das ist mir bis heute immer noch unklar:
Biometric Payments, Location-aware Technology, Location-aware Applications, Model-driven Architectures, Collective Intelligence …
Das ist ja alles wie zu besten New Economy-Zeiten. Und warum die «Collective Intelligence» – was auch immer das sein mag – deutlich sichtbarer als Wikis sind, das muß mir auch nochmal jemand erklären. Und erst dieser Produktivitätsboost bei “Enterprise Instant Messaging”. Unglaublich.
Don’t believe the Hype.
P.S.: Wer erklärt mir, wie «Offline-AJAX» funktioniert – und warum es minimal mehr sichtbar ist als AJAX? ;-)
#1 von Frank Feige unter 23. Oktober 2006
…aber außer das sich Niels hervorragend über diesen “Hype Cycle” aufregen kann, habe ich in seinem Artikel nicht ein Argument gefunden, WARUM diese Zukunftsprognose denn nun der größte Blödsinn sein soll!?
Wenn ich diese textliche Aufregung richtig verstanden habe, wirft Niels dem “Hype Cycle” ja gerade vor, dass die darin getroffenen Aussagen völlig unbegründet und aus der Luft gegriffen sind …dann wäre es doch angebracht selbst ein paar Fakten zu liefern um diese Meinung zu begründen! Ansonsten ist dieser Artikel dann nämlich genau so ein “Bullshit” wie der “Hype Cycle” selbst :)
Beste Grüße
Frank
#2 von herby unter 16. Januar 2007
Bullshit…. das passt zu dem Artikel.
Wenn du nichtmal in der Lage bist den Hype-Cycle zu verstehen solltest du nicht über ihn herziehen. Sonst wüsstest du warum offline-Ajax und Ajax selbst an den Positionen stehen wo sie stehen.
Vielleicht hilft der (zugegeben etwas kurze) Wikipedia Artikel weiter (Vorsicht da kommen so komische Abkürzungen mir C drin vor!!!!!) http://en.wikipedia.org/wiki/Hype_cycle
Es ist klar, dass Studien “gekauft” werden. Sieht man ja auch an der Studie zu den Krankenkassenkosten von Bayern und anderen Ländern. Aber gerde der Hype-Cyle ist schwer käuflich, da er nicht über einzlene Produkte redet sondern über Technologien. wie soll man sich da die Bestechung vorstellen? Gehen da alle Firmen hin, die Ajax verwenden und sagen “Ey screibt das mal ganz oben hin!” Oder gibt irgendjemand bisher Geld aus um Quanten-Computer zu vermarkten? Bullshit, oder?
“Biometric Payments, Location-aware Technology, Location-aware Applications, Model-driven Architectures, Collective Intelligence” Wenn man von den Themen keine Ahnung hat hilft es zum einen sie erstmal zu übersetzen. Gartner schreibt die Studie halt nunmal in Englisch. Ist halt im Netz doch sehr verbreitet. Du verwendest es ja auch. Oder ist Bullshit seit neustem ein deutsches Wort.
Sollte man die Begriffe auch nach dem Übersetzen noch nicht verstehen kann man sich ja im Netz schlau machen bevor man hier darüber herzieht wie doof das klingt.
Im übrigen zwingt dich ja niemand diese Studien zu lesen. Du scheinst es jedoch trotzdem zu machen. Warum?
Um jetzt hier nicht im falschen Licht zu erscheinen. Ich bin durchaus der Meinung, dass man jede Studie mir Vorsicht betrachten sollte. (Das sollte man aber genau so mit jedem Nachrichten-Artikel und jedem Blog-Eintrag machen).
Aber sie allgemein und ohne Ausnahme als Bullshit zu bezeichnen ist einfach zu extrem.
Aber es ist ja immer sehr leicht alles was einem nicht ganz klar ist nieder zu machen
#3 von Die Stimme der freien Welt unter 17. Januar 2007
Lieber Herby,
zunächst erstmal freue ich mich, daß Du Dich so intensiv mit meinem Statement auseinandergesetzt hast. Auch freue ich mich sehr, daß Du mir wohlgemeinte Ratschläge bezüglich meiner fachlichen Kompetenz gibst, wobei ich Dir aber guten Gewissens versichern kann, daß dies nicht notwendig ist. Ebenso ist meine Übersetzungskompetenz englischer Fachwörter aus der IT-Branche ebenso auf der Höhe der Zeit – also keine Sorge.
Schön, daß Du auch einsiehst, daß Studien gekauft werden, womit Du ja selbst Deine eigene Argumentation unterwanderst. Eigentlich bräuchten wir aufgrund dieser Zustimmung gar nicht weiterdiskutieren – aber gut….
Der Hype Cycle als solcher ist natürlich ein Extrakt der ganzen sachlichen unabhängigen Studien und Beobachtungen, die unsere Analysten-Freunde so machen – wo einzelne Technologien sehr wohl bestimmten Treibern der Branche zugeordnet werden können. Und außerdem sind es nicht nur Technologien, sondern vielmehr eine bunte Mischung von schicken Schlagwörtern: “Collective Intelligence” ist in dem Sinne auch keine Technologie, sondern eher ein dem sogenannten Web 2.0 zuzuordnenden Phänomen.
Bezüglich der Begriffe stört mich vor allem, daß es definitiv Bullshit-Begriffe sind, deren Einordnung auf dieser Skala weitestgehend willkürlich ist – fast jeder dieser Punkte läßt sich massiv diskutieren. Angefangen von Mobile Phone Payments über Enterprise Instant Messaging, über Tablet PCs, über Corporate Blogging, über Corporate Semantic Web, etc.
Die Studien lese ich auch garantiert nicht, dafür ist mir meine Zeit zu schade – aber die aggregierten Hype Cycles sind immer ein Lacher wert. Spätestens dann, wenn man auf Konferenzen die Sprüche dieser Analysten hört, beginnt man die Fachkompetenz dieser Analysten schwer anzuzweifeln. Die meisten sind im Endeffekt nichts anderes als mehr oder weniger gute PR-oleten.
Aus Deinem Text dagegen spricht – vorsichtig ausgedrückt – eine gewisse Emotionalität … kann es zufällig sein, daß Du selbst in der Analysten-Branche tätig bist? Oder zumindest ein Close Friend von Gartner, der seine Studien immer schön per Abo auf den Schreibtisch kriegt…
#4 von herby unter 17. Januar 2007
Also gleich zu Anfang. Ich bin KEIN Analyst und werde wohl auch so schnell keiner werden. Wobei so Weinabende bei Referenzkunden… das hätte schon was (du musst dich in der Branche ja sehr gut auskennen wenn du solche Details kennst… ich dachte immer es wären Bordell-Besuche *GGGG*)
Da du ja meine aussage, dass Studien gekauft werden schon als KO-Kriterium verwendest ein kleiner Nachtrag bzw. Richtigstellung. Ich habe davon geredet, dass Studien gekauft werden. Dabei habe ich ehr “einige/viele” (je nach Ansicht) Studien gemeint. Bei leibe nicht ALLE. Und genau das machst du ja. Was mich an so Aussagen wie von dir aufregt ist, dass es immer gleich ALLE heißt (“Kurz: Das ist alles Lug und Betrug,”) Und genau diese Argumentation ist schlichtweg FALSCH.
Erste Regel bei den Multiple-Choice-Klausuren lautet “Wenn da ein immer oder niemals steht ist es meistens falsch” Weil es gibt IMMER Ausnahmen. Aber die gestehen Leute wie du halt nicht ein. Es gibt weitaus mehr Grauzonen als man denkt.
Keiner zwingt dich die Studien zu lesen. Wie sollen denn eigentlich deiner Meinung nach die ganzen Manager ihre Entscheidungen treffen?
Was soll man anstatt der Studien denn machen? Zähle doch einfach mal Alternativen auf anstatt auf den Studien einzuhacken.
Statt “Studien sind Bullshit weil die mit blöden englischen Fremdwörtern um sich werfen” wäre es doch angebrachter zu sagen. “Ich finde Studien nicht so prickelnd weil….. aber man könnte doch….. oder wie wäre es mit…..”
Ich lasse mir gerne Alternativen vorschlagen. Und auch wenn du es nicht glauben wirst, wenn sie für mich Sinn ergeben ändere ich auch meine Meinung. Es gibt ja immer mal wieder Dinge die man einfach übersehen hat. Nobody is perfect (noch nicht *G*)
so lont herby
#5 von Die Stimme der freien Welt unter 4. Februar 2007
herby: Bordell-Besuche sind mehr Bau-Branche und weniger IT-Branche.
Nochmal ganz klar: Ich bin der Ansicht, daß FAST ALLE Studien gekauft werden. Und je größer das Analystenhaus, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit. Nicht ALLE, aber FAST ALLE.
Wie die Manager ihre Entscheidungen treffen, ist mir weitestgehend egal, das ist ihr Problem – und: genau dafür werden sie bezahlt. Und genauso müssen sie auch einschätzen können, wie wahrheitsgemäß eine solche Studie ist. Aber fast alle Manager, die ich kenne, von Banken über Versicherungen bis hin zu Öffentlichen nehmen diese Dinger als Gottgegeben und natürlich 100%ig korrekt hin. Hat ja Analyst ABC geschrieben. Das war übrigens bei Börsenanalysten in der New Economy-Zeit auch so, wir erinnern uns noch an Leuchten wie Kurt Ochner und ihre unrühmlichen Abgänge.
Alternativen wären, in den jeweiligen IT-Konzernabteilungen mal selbst das Gehirn einzuschalten, sich Dinge live von Herstellern präsentieren zu lassen, mit Vergleichsunternehmen zu reden und sich so selbst eine Meinung zu bilden.
Ich habe neulich erst gehört, daß ein großer deutscher Luftfahrtkonzern an IT-Anforderungen inzwischen ganz anders herangeht: Anstatt 40-seitige Anforderungskataloge aus Studien zu extrahieren, schreiben sie ein 2-3-seitiges Paper, was ihre Problematik beschreibt – und bitten die Hersteller um einen sinnvollen Lösungsansatz. Völlig frei von Feature-Wünschen oder sonstigem. Die kreativsten und überzeugensten kriegen dann eine Einladung zur Präsentation. DAS hat mich überzeugt.
Und: Meine Wortwahl über Studien mußt Du schon noch mir selbst überlassen – nach so vielen Jahren beobachtetem Lug und Trug in der Branche finde ich aber kaum noch andere Worte als «Bullshit». :-)
Aber ich lasse mich auch gern vom Gegenteil überzeugen. Vielleicht sollte man mal selbst eine Analystenbude gründen, die diese Unabhängigkeitskriterien erfüllt.
So long …
#6 von Christian (ein Name so gut wie Anonym unter 7. Februar 2007
Verdammt, manche Artikel sind so gut, dass ich bald anfange Rückwärts zu lesen. Danke auch an 124c41 für sein gutes Gedächtnis und den Link in die Vergangenheit.
#7 von Johannes unter 10. September 2007
Also ich muss im Großen und Ganzen “herby” zustimmen! Der Hype-Cycle ist eine Analyse der IST-Situation! Mit einer Ausschau, wo die Entwicklung hingeht. Sowas ist für den IT-Governance-Bereich nicht unerheblich zu wissen!
Ich kann im Grunde die Aussage von herby: “Wer sich darüber aufregtr, hat es nicht verstanden!” nur unterstreichen. Und eine Aussage wie: “Fast alle Studien sind gekauft!” ist eigentlich ein noch größerer Schwachsinn.
Zum Thema “Denglisch” bzw. Englische Ausdrücke: Diese Branche basiert zu 100% auf dem Englischen, wer sich darüber aufregt… naja ihr kennt ja Dieter Nuhr, oder?
Und bevor jemand fragt: Ja, ich arbeite als IT-Consultant! Nein, nicht bei Gartner!
#8 von Besserwisser unter 13. Februar 2008
Der Gartner Hype Cycle zeigt nur den Verlauf des Medienrummels um neue Technologien. Nicht aber die erwartete oder bisherige Entwicklung dieser Technologien!