Die Augenwischerei der Beschäftigungspolitik und der Mittelstand


Auf dem rebellmarkt läuft gerade eine interessante Diskussion, die ausgehend vom Medien-Thema «Rütli-Schule» die Bereich Arbeitsmarkt und Bildungspolitik beleuchtet.

Frau Modeste faßte die ganze Problematik der mangelnden Bildung und den daraus resultierenden sozialen Problemen per ICQ wie folgt recht treffend zusammen:

Im Grunde bräuchte man Geld, bessere Schulen, eine nachvollziehbare Kreditvergabe jenseits von Basel II, um einen optimnistischen türkischen oder arabischen Mittelstand zu stärken, der sich irgendwann Häuser baut und für die CDU im Stadtrat sitzt, wie es die deutschen Handwerksmeister in Süddeutschland tun.

Eine meines Erachtens nach völlig zutreffende Darstellung. Die Stärkung des Mittelstandes, da liegt der Schlüssel drin.

Wenn man an Arbeitsplätze und deren Abbau denkt, dann fallen allen Leuten immer vor allem Namen wie Siemens, Telekom und Deutsche Bank ein. Diesen Leuten sei mal folgende Statistik vor Augen geführtW; es handelt sich um Daten des Arbeitsamtes mit Stand 31.12.2003, auf die ich zufällig gestoßen bin und die ich hochinteressant finde:

Beschäftigte Anzahl Betriebe Anteil in Prozent
0420.92917,1 %
1-51.402.54957 %
6-9241.9009,8 %
10-19191.3457,8%
20-49121.4974,9%
50-9944.9151,8%
100-19922.2940,9%
200-49912.3330,5%
>5004.8290,2%

Diese Zahlen muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Nur 0,2% der Betriebe in Deutschland haben mehr als 500 Angestellte. Ich habe auch noch Zahlen von Bertelsmann direct aus dem Jahr 2001, die wiesen die Anzahl der Betriebe in Deutschland mit mehr als 2.000 Angestellten mit 1.405 aus.

Die Statistik sieht von der Anzahl der Beschäftigten in absoluten Zahlen her übrigens nicht besser aus. 75% aller Angestellten arbeiten in Firmen bis 500 Mitarbeiter. Die Firmen mit 1-9 Angestellten halten in etwa genausoviele Leute in Lohn und Brot wie alle Firmen in Deutschland mit mehr als 500 Beschäftigten. Mit dem einzigen kleinen, feinen Unterschied: Die kleinen setzen nicht mal eben 10.000 Leute aus Rationalisierungsgründen auf die Straße.

DAS ist es, was bisher keine der großen «Volksparteien» auch nur annährend erkannt, geschweige denn in der Wirtschaftspolitik berücksichtigt. Oder gar die unsäglichen Gewerkschaftsfunktionäre. Verständlich, ein Händeschütteln mit DaimlerChrysler-CEO kommt medialer auch deutlich cooler rüber als mit dem Handwerksmeister um die Ecke.

Andersherum sagen die Zahlen folgendes: Wenn wir in Deutschland momentan um die 4,5 Mio Arbeitslosen haben, dann könnte diese Zahl um 70% (!) reduziert werden, wenn nur jeder der Betriebe mit 1-9 Mitarbeitern zwei zusätzliche Mitarbeiter einstellen könnte. DAS sind Zahlen, über die man sich mal Gedanken machen sollte.

So, und nun schlage ich die Zeit auf und lese:

Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) plant Medienberichten zufolge eine weitere Steuerentlastung von Unternehmen. Gewinne von Kapitalgesellschaften könnten demnach mit deutlich weniger Steuern belastet werden.

Gewinne von Kapitalgesellschaften, soso. Wer da garantiert nicht bei berücksichtigt ist, sind unsere 1.402.549 Freunde von oben. Um es mit den Amerikanern zu sagen: It’s the Mittelstand, stupid.

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  1. #1 von Stefan Tilkov am 10. April 2006 - 6:58 PM

    “Ingenieurmeister”? Was ist denn das? Ich dachte, ich hätte meinen Ingenieurstitel mit einem Studium und einem Diplom ergattert ;-)

    Prima Posting, eine Kleinigkeit vielleicht nur: Es gibt eine ganze Reihe kleiner Unternehmen – meines gehört dazu – die GmbHs sind. Entlastung von Unternehmen betrifft nicht nur Großkonzerne. Eher schon die unsäglichen grauenerregenden Auswüchse der Bürokratie und der immer wieder neuen, schönen Gesetze, die für einen Konzern nur eine weitere Regelung, für einen KMU aber nichts als Ärger bedeuten.

(wird nicht veröffentlicht)