Bewerber-Knigge, oder: wie bewerbe ich mich richtig?

Früher habe ich recht viele Bewerbungsgespräche und -unterlagen selbst bearbeitet, angenehmerweise haben wir inzwischen schon seit langer Zeit einen eigenen Mitarbeiter. Wie es der Zufall aber so will, muß ich mir einige Bewerbungen für eine bestimmte Stelle persönlich ansehen – und es ist hochinteressant, was man da mal wieder für einen Überblick über die aktuelle Bewerberlage gewinnt. Zum großen Teil leider auch erschreckend. Ich dachte, sogar das Arbeitsamt veranstaltet inzwischen “Wie bewerbe ich mich richtig”-Workshops? Scheint aber noch nicht überall angekommen zu sein. Daher der kleine Bewerberknigge von DSdfW:

Lieber Bewerber,

  • Zunächst wäre es schön, wenn Du Dir die eigentliche Stellenanzeige mal von vorne bis hinten durchlesen würdest. Die Aussage “Bitte übersenden Sie Ihre Bewerbung im PDF-Format” heißt nicht, daß Du mir eine tolle Word-Datei senden sollst. Damit hast Du Dich nämlich leider selbst disqualifiziert und landest ohne weitere Beachtung in meinem digitalen Mülleimer.

Hier hilft übrigens auch das von mir bereits angesprochene Thema “Dateinamen”. Schön wäre “Datum.Kürzel.Dokumenttitel.pdf”, also z.B.: “051118.am.anschreiben.pdf”. Aber schon “anschreiben.pdf” hilft deutlich weiter als “dokument1.pdf”.

  • Man denkt ja, es sollte sich bereits herumgesprochen haben: Eine Bewerbung besteht aus einem Anschreiben, einem CV und ggf. Zeugnissen. Nicht mehr und nicht weniger.

Toll wäre, wenn man daraus zwei PDF-Dateien macht, eine mit Anschreiben und CV, eine zweite mit den Zeugnissen. Dann kann ich mir erstmal ersteres ausdrucken und bei Interesse dann auch noch Deine Zeugnisse angucken. Die interessiere mich beim ersten Überfliegen nämlich eher weniger. Die Trennung in zwei Dokumente kriegen leider auch nur 10% hin.

  • Auch rumgesprochen haben sollte sich: Deine Urlaubsfotos sind als Bewerbungsfotos leider ungeeignet. Auch wenn Deine Freundin Dich vor dem weißen Küchenhintergrund fotografiert, dann sieht das einfach nur scheiße und unprofessionell aus. Ein paar zusätzliche Euro sind - beispielsweise bei den Hoffotografen – gut investiertes Geld.

Achja, und falls Du nicht gerade Jonathan Ive heißt und Dich als Creative Director bewirbst, dann auch bitte im Anzug/Kostüm und nicht im Pulli. Aber darauf weisen Dich die Fotografen im Zweifelsfalle auch hin.

  • Ein Lebenslauf wird nicht besser, wenn Du ihn künstlich auf sieben Seiten streckst. Zwei Seiten CV plus eine Seite Anschreiben sind völlig ausreichend. Und bitte nur EINE Seite Anschreiben, zweiseitige Anschreiben sind ebenfalls durchgefallen.

Wenn Du ganz viele tolle Sachen gemacht hast, dürfen es auch mal drei Seiten CV sein. Aber nicht sieben. Wenn Du wirklich so viele tolle Dinge zu erzählen und bereits achtzig Projekte durchgeführt hast, die die Welt bewegen, dann mach aus den Projektbeschreibungen eine eigene Anlage. Aber bitte nicht in den CV.

  • Ein Anschreiben ist ein Brief. Dafür gibt es in Deutschland eine eigene Norm. DIN 5008 heißt die, und die ist gar nicht so blöd. Du brauchst kein eigenes Brief-Design gestalten, wirklich nicht. Wenn Du Dich an die Standards hälst, dann ist das ganz wunderbar und hilft uns allen bei der Lesbarkeit.

  • Wenn Du selbst keine Ahnung von Word und ansatzweisen Grundregeln der Gestaltung eines Textes hast, dann such’ Dir jemanden, der das hat. Dann sieht es wenigstens nicht ganz so nach ausgedrucktem Klopapier aus. Merke: Wenn es halbwegs ansprechend gestaltet ist, dann liest es Dein Gegenüber vielleicht auch gleich lieber.

  • Jemand, der Deine Bewerbung auf Rechtschreibfehler durchsucht, ist Gold wert.

  • Eine tolle Idee ist übrigens auch eine durchgehende Seitennummerierung inkl. Name des Bewerbers in der Fußzeile. Erhöht die Chancen enorm, daß man Deine Dokumente zusammengehörig in einem großen Papierstapel wiederfindet.

  • Auch wenn lustige E-Mail-Adressen ganz was tolles sind, in einer Bewerbung sind Sie unangebracht. Tip: anja.mueller@gmx.de ist deutlich besser als hotanja69@gmx.de. Ja, auch anjalein@gmx.de ist blöd.

  • Bestimmte Formulierungen in Anschreiben fallen Dir nicht als einziger ein. Nach fünfzig Mal “Suche nach neuen Herausforderungen”, “berufliche Weiterentwicklung”, “Neuausrichtung” und “Umorientierung” muß man kotzen. Schreibt doch lieber einfach, warum ihr euch auf DIESE Stelle bewerbt. Dabei hilft, wenn man sich die Homepage des Unternehmens vorher mal anguckt.

  • Toll, daß Dein Rechner so viele schöne Fonts hat. Benutze sie doch einfach nicht. Times oder Helvetica paßt in 100% aller Fälle. Du mußt Dir nicht selbst ein eigenes Corporate Design geben.

Wenn Du das schonmal berücksichtigst, dann steigen Deine Chancen, genommen zu werden exorbitant.

  1. #1 von Verena unter 21. November 2005

    Hey,
    du musst ja richtig frustriert gewesen sein! ;-) Ich jedenfalls habe waehrend des Lesens laut gelacht … und recht hast du!

  2. #2 von Bartsch unter 27. November 2005

    Die Hinweise sind sehr treffend. Beim Thema Schriften möchte ich jedoch ein wenig widersprechen. Denn Arial und Times New Roman (Times und Helvetica sind ja auf den wenigsten Windows-Rechnern installiert) verursachen auf Dauer, glaube ich, Augenkrebs oder so. Ich würde vielmehr empfehlen, dass man sich gern für eine klassische Schrift entscheiden darf, dafür aber – siehe Bewerbungsfoto – ruhig auch etwas investieren sollte. Wie wär’s z.B. mit einer schönen Garamond oder der Frutiger?
    Hoch lebe die Typographie.

  3. #3 von Günter Bartsch unter 28. November 2005

    …ja? Na, das ließe sich arrangieren. Wo darf man sich denn bewerben? Und wofür (interessiert mich schon die ganze Zeit)?

  4. #4 von Günter Bartsch unter 28. November 2005

    Na wunderbar, dann waren ja offenbar doch ein paar gute Bewerbungen dabei. Falls Du dennoch verraten willst, was es für eine Stelle war (zumindest das Unternehmen oder die Branche) – mich würde es weiterhin interessieren. So nach dem Motto: WAS? ES GIBT NOCH FREIE STELLEN IN DEUTSCHLAND? WO DAS DENN?

  5. #5 von Günter Bartsch unter 28. November 2005

    …das die Stimme der freien Welt hoffentlich bald aufgreifen wird. Offen gesagt, ist mir der Unterschied nämlich nicht ganz klar. Aber in der Tat: ist ein anderes Thema. Vielen Dank.

  6. #6 von marsh unter 28. November 2005

    Der Mangel an qualifizierten Bewerbern muss damit zusammenhängen, dass jeder, der über 30 ist und vielleicht sogar eine Familie hat (so ein Depp! Was ist das denn für einer?! Och nööö, der passt aber so gar nicht hierher…) automatisch als unqualifiziert gilt. Ich jedenfalls kenne eine Menge Leute, die hochqualifiziert sind und sich trotzdem ihren Job nicht aussuchen können – so denn sie denn überhaupt einen gefunden haben. IMHO ist das Problem herbeigeredet, und zwar durch Branchenverbände und Lohndumper.

  7. #7 von Günter Bartsch unter 29. November 2005

    Ich habe mir in diesem Zusammenhang noch einmal den Podcast vom 19. Juli angehört. Und leider sind bei mir dabei mehr Fragen aufgetaucht als beantwortet wurden.
    1. Berufaussichten: Lässt sich tatsächlich voraussagen, ob man mit einer bestimmten Ausbildung gute berufliche Aussichten hat? Oft ändert sich die Arbeitsplatzsituation ja noch während der Zeit des Studiums (z.B. IT, Lehramt).
    2. Fächervielfalt: Was würde geschehen, wenn die meisten Studienanfänger solche Studiengänge oder Ausbildungen wählen, die zunächst die besten Berufsaussichten versprechen? Könnte dies zu einer Verarmung der Bedeutung mancher – z.B. geisteswissenschaftlicher – Fächer und damit womöglich der gesamten Wissenschaftslandschaft führen?
    3. Und hat man überhaupt die Wahl? Vergleichsweise aussichtsreiche Studiengänge wie z.B. Medizin oder Jura sind ja nicht selten zulassungsbeschränkt, etwa über Numerus Clausus.
    4. Wie könnte man zu einer praxisgerechten (Hochschul-)Ausbildung gelangen und wäre diese überhaupt generell wünschenswert? Anders gesagt: Lebt die Wissenschaft nicht gerade davon, dass sie frei ist, also auch ein Stück weit frei von Vorgaben hinsichtlich der Praxistauglichkeit? Oder sollte das klassische Uni-Studium in weiten Bereichen zugunsten einer Ausbildung nach FH- oder gar Berufsakademie-Vorbild (also eng mit der Wirtschaft verknüpft) geopfert werden? Letzteres soll wirklich kein Statement, sondern eine Frage sein.
    5. Oder gäbe es Alternativen? Müssten Uni-Studenten evtl. anders – und wenn ja, wie – ans Berufsleben herangeführt werden? Oder muss es womöglich mehr Berufe geben, in der man auch höhere Ausbildungen innerhalb eines Betriebes machen kann – zum Beispiel als Vertriebler? (Braucht man dazu eigentlich ein BWL-Studium?)
    6. und letztens: Gibt es in Deutschland nicht schon jetzt viel zu viele Praktikanten (zumeist also Studierende, die den Praxisbezug suchen), die anderen Leuten die Arbeitsplätze wegnehmen, aber keine Wahl haben, weil sie sonst nach dem Studium niemand nimmt?

  8. #8 von marsh unter 1. Dezember 2005

    Naja, es kommt darauf an, was man verkaufen muss. Bier zu verkaufen ist sicher einfacher als teure CMSe. Apropos Bildungsmisere: Wie viele Azubis habt Ihr? Und wenn nicht gerade ein Top-Vertriebler der Konkurrenz anklopft, müsste man überlegen, ob man jemanden einarbeitet. Aber all das sind Dinge, die in der Welt der IT leider zu oft abhanden gekommen sind (ohne zu wissen, ob das nun bei Euch so ist oder nicht).

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