Give me a second chance
To build a new romance
That’s all I’m askin’ for tonight, baby
Cmon’ and take my hand
And try to understand
You gotta stay in my life..ooh..
— Boyzone, “Stay”
Wie ich als Jugendlicher lernen durfte, ist “U-Musik” ist die Kurzform für “Unterhaltungsmusik” – auch Rock oder Pop genannt. Der Gegensatz davon ist die sogenannte E-Musik, die “ernste” Musik. “Ernst” wahrscheinlich deswegen, weil die Feten der Klassik-Labels deutlich ernster und nicht so ausgelassen ausfallen wie die ihrer Pop-Kollegen.
Da man ja aber bekanntermaßen nie genug feiern kann, hat sich die deutsche Szene der U-Musik ein alljährlich stattfindendes Event eingerichtet, auf dem sie sich vor allem selbst feiert. Dieses Event heißt “Popkomm”, ist offiziell eine Musikmesse für Fachbesucher und fand früher in Köln statt.
Inzwischen hat der schlaue Tim Renner, der einstige PR-Liebling und Ex-Boß vom Plattenlabel Universal Music, die Veranstaltung nach Berlin geholt. Von diesem Erfolg muß er sich aber erstmal ausruhen, so daß er eigentlich mit der Plattenindustrie nichts mehr zu tun haben will. Verständlich.
Vielleicht schämt er sich auch ein wenig ob seiner Tat, denn das Rahmenprogramm der Popkomm – und damit auch die Feten, also das, worum es ja eigentlich geht – war früher in Köln deutlich besser.
In meinen Jugendjahren berichtete ich regelmäßig für diverse Musikmagazine von selbiger Popkomm, was vor allem deswegen lustig war, weil es neben den ganzen wichtigen Plattenneuvorstellungen und Pressekonferenzen jede Menge Konzerte und Abendveranstaltungen gab.
Je nach persönlicher Beziehung zum Veranstalter konnte man diese dann besuchen und dort im VIP-Bereich alkolholhaltige Erfrischungsgetränke genießen.
VIP-Bereich bei Konzerten bedeutet: Backstage.Backstage ist ein Wort, das im Herzen vieler – vor allem weiblicher - Fans von Popidolen feuchte Träume auslöst. Einmal dem Star nah sein, einmal mit den Rolling Stones auf dem eigens eingerichteten Billiardtisch eine Runde zocken um anschließend in den Whirlpool zu Mick und den Girls zu steigen.
So oder ähnlich muß es wohl in der Phantasie einiger aussehen.
Wie man sich unschwer vorstellen kann, ist es in der Realität deutlich entschärfter. Der Phil, der Sting, der Mick oder die Louise ruhen sich halt lieber in ihren angenehmen Hotelsuiten aus. Wenn sie dann kurz vor Beginn des Konzertes eintreffen, ist für sie dennoch ein ganz angenehmer Backstagebereich eingerichtet.
Hier werden dann auch entsprechende Stärkungen gereicht. Je nach Wichtigkeits- und Zickigkeitsgrad der Künstlerin (sic!) auch mit gern mal mit veganem Obst und natürlich nur mit der speziellen Mineralwassermarke aus Andalousien.
Aber auch im Pop-Geschäft gilt: Lehrjahre sind keine Herrenjahre. So erzählte mir eine gute Freundin, die für eines dieser reißerischen Blitzsupertaffsternexplosiv-Magazine arbeitet, daß sie mit einer Boyband und deren Produzenten zum Essen fuhr. Sie mit ihm in seinem Maserati, die Band in einem alten klapprigen VW-Bus hinterher. Ist halt nur ein Zweisitzer, der Maserati. Und die teuren Armani-Anzüge fürs Fotoshooting waren auch nur eine Leihgabe.
Analogien zum klapprigen VW-Bus sollten sich 1996 in Köln auftun, als ich im Rahmen der Popkomm das “MTV – From Köln With Love”-Konzert besuchte.

Als ich ein wenig verspätet bereits nach Konzertbeginn am Veranstaltungsort ankomme, bemerke ich zunächst einen größeren Auflauf von eher etwas betagten Damen und Herren, die so recht gar nicht zu dem MTV-Konzert passen wollen. Kurz danach wird mir klar: Es handelt sich um Mutti und Papi der Konzertbesucherinnen. KonzertbesucherINNEN trifft es tatsächlich, denn als ich die Publikumsmasse um die Bühne herum sehe, wird mir klar, daß man hier mit 14 bereits verdammt alt ist. Zumindestens, wenn man direkt vor der Bühne in der ersten Reihe steht.
Und tatsächlich waren das nicht nur ein paar Konzertbesucherinnen, sondern über 3000, wie mir der Veranstalter mitteilt.
Auch wenn der Scherz ein wenig abgedroschen ist, aber ich glaube, ich habe noch nie eine so hohe Ansammlung von Zahnspangen auf so kleinem Raum gesehen.
Meine Attraktivität bei den jungen Mädchen ist zu diesem Zeitpunkt enorm, was weniger an meiner Person selbst liegt, sondern vielmehr an dem Backstage-Paß, der um meinen Hals baumelt. “All Area” steht dort in großen, gut sichtbaren Lettern.
Das macht mich spontan zu einem der begehrtesten Männer in diesem Raum. Im Prinzip ist dieses auffällige Paßtragen irgendwo prollig, aber schon der Security-Mann am Eingang hat mich nochmals eindringlich darauf hingewiesen, daß der Paß im Backstage-Bereich die ganze Zeit gut sichtbar zu tragen sei.
So lehne ich eindeutige sexuelle Angebote als Gegenwert für den Paß konsequent ab, nicht zuletzt wegen des Alters der Bittstellerinnen.
Ich kämpfe mich durch die Mengen in Richtung des besagten Backstage-Bereiches und werde von ein paar schwarzgekleideten Herren eingelassen, denen ich abends in einer schlechtbeleuchteten Straße eher ungern begegnen würde.
Der Eingang befindet sich direkt neben der Bühne, so daß ich erstmal dem Trubel entgehen möchte und mich in das Zelt hinter der Bühne begebe, wo einige Techniker und sonstige Menschen herumhängen und mehr oder weniger geschäftig den Fortgang des Konzerts verfolgen oder unterstützen.
Inzwischen habe ich auch den Veranstalter getroffen, der mir ein paar Details über das Konzert erzählt. Catering sei leider nicht mehr so viel da, das gab’s nur für den Aufbau. Heute spielen ja nur so ein paar Boybands, da brauche man keinen großen Aufwand treiben. Und der Robbie, der käme ja eh nur kurz aus seinem Hotelzimmer vorbei.
Seine Worte waren nicht gelogen: Die kulinarische Versorgung hinter der Bühne für die Künstler beschränkte sich auf einige Snacks der Kategorie Erdnußflips, dazu ein paar nichtalkolholische Getränke.
Sofort beginnen meine Illusionen über das Popstarleben zu schwinden. Erdnußflips und Cola, wie enttäuschend. Auch Rock’n'Roll ist nicht mehr das, was es mal war. Und die Angehörigen dieser Berufsgruppe sollen früher Fernseher aus Hotelzimmern geschmissen haben?
Ich betrachte den Ablaufplan des Konzerts und bemerke, daß die nächste Band auf der Bühne “Boyzone” sein wird. Eine junge, aufstrebende Boyband, die die Herzen der Mädchen im Sturm erobern soll. “DAS schaust Du Dir mal an”, denke ich mir und begebe mich direkt seitlich nah an den linken Bühnenrand. So befinden sich voraus von mir die Bühne, links der Aufgang zu selbiger und zu meiner Rechten das Absperrgitter mit den kreischenden Mädchen. Über dieses wird ab und zu ein kreislaufschwaches Mädchen getragen und an die neben mir stehenden Rettungssanitäter übergeben.
Da aber momentan nicht so viele Mädchen vom sicheren Tod durch Aufregung errettet werden müssen und Boyzone offensichtlich auch Verspätung hat, betrachte ich das Treiben der Sanitäter. Diese sind offensichtlich eher unterbeschäftigt und vertreiben sich die Zeit mit gegenseitigem Vorlesen von Schriftstücken, was ich nicht auf Anhieb verstehe.
Nach einer kurzen Rückfrage meinerseits wird mir jedoch klar, was dort zur Erheiterung der Rettungssanitäterschar verbal zum Besten gegeben wird: es handelt sich um die Liebesbriefe der Fans, welche – meist durch einen Teddybären beschwert – auf die Bühne geworfen werden. Dort sammelt sie ein dienstbaren Geist auf und so landen sie schließlich an einem Ort, für den sie sicherlich von der Verfasserin nicht bestimmt waren:
In einem großen blauen Müllsack.
Um genau zu sein gibt es neben der Bühne drei Müllsäcke: einer für Plüschtiere, einer für Papiermüll – also die Liebesbriefe – und einer für Sonstiges. Zum Beispiel Unterwäsche. Das tolle an Klischees ist, daß es sie tatsächlich gibt.
Ich höre den in den Liebesbriefen festgehaltenen und durch die Sanitäter dargebotenen emotionalen Ergüssen der Fans einige Zeit zu und komme so mit den Jungs ins Gespräch. Was den mit den Plüschtieren passiere, will ich wissen. “Die werden gespendet. Kommen glaube ich nach Afrika oder so.” Wenn die Kinder in Afrika wüßten, daß ihre missionierten Plüschtiere in Form von rosa Elefanten vom Boyzone-Konzert kommen …
Diese skurile Szene wird schließlich komplettiert durch den Auftritt von Boyzone. Die Jungs kriegen ihre Playback-Mikros in die Hand und laufen dynamisch auf die Bühne. Was jedoch aus dem Publikum möglicherweise so souverän und cool aussieht, wirkt aus der Nähe reichlich unsicher. Bestimmte Korrekturen der Tanzschritte brüllt man sich gegenseitig live zu. Als es dann schließlich zur Ballade kommt, zittert der mir am nächsten stehende Boyzone-Boy nervös mit dem Fuß. So richtig entspannt sehen alle jedenfalls nicht aus.
Als sie dann schließlich ihren Auftritt beendet haben, steigen die Jungs die Bühnentreppe herunter, wo sie unten von einer kleinen Entourage erwartet werden, die sich in meiner Nähe positioniert hat. Die Hauptaufgabe dieser Claquere besteht offensichtlich darin, den Boyzonern die Hand hinzuhalten, damit sie sich gegenseitig High-Five-mäßig abklatschen können. So inmitten dieses Gemenge stehend kommen die Jungs plötzlich auch auf mich zu – und sind genauso verwundert wie ich. Sie sind es aufgrund der Tatsache, daß ich nicht meine Hand zum Shake hinhalte und ich bin es, da ich nicht so ganz weiß, was sie eigentlich gerade von mir wollen. Um die Verwechselung nicht zu peinlich werden zu lassen, reiche ich dem einen von ihnen die Hand und sage floskelartig-anerkennend:
“Hey, guys, that was cool – you did a really good job“.
“Really?” fragt der eine Boyzone-Boy zurück, der von der Nähe noch jünger wirkt als auf der Bühne – und seine Augen beginnen zu meinem großen Erstaunen zu leuchten.
In dem Moment fällt mir auf, daß ich die einzige Person neben der Bühne bin, die nicht nur “Cool” oder “Yeah” gesagt, sondern tatsächlich sogar einen ganzen Satz formuliert hat.
Obwohl ich die Musik grausam finde, beschließe ich zu lügen: “Definitely. I liked your performance.“
Mein Gegenüber scheint sich über diese Aussage zu meiner wachsenden Verwunderung ernsthaft zu freuen.
“That’s great! Which song did you like most?“
“Ehm“, sage ich, “… the … last one!“
“Really? That’s my favorite too. Hey, you know what?“
Ich schaue ihn an.
“I thought our performance was just like shit. But – hey, as you’re not a 12-year-old-girl and YOU liked it, it seemed to be not too bad. You made my day. Thanks, man.“
“No problem” sage ich und gebe ihm nochmal unbekannterweise zum Abschied die Hand.
Der Veranstalter kommt auf mich zu und meint “Hey, ich wußte gar nicht, daß Du die Jungs kennst?“
“Ich auch nicht” antworte ich.
Bevor die nächste Boyband auf die Bühne kommt, beschließe ich zu gehen und verabschiede mich. Auf dem Weg nach draußen laufe ich an den Erdnußflips entlang. Sie stehen immer noch unberührt da.
Ich rufe ein Taxi, fahre nach Hause und beschließe, nie in meinem Leben eine Boyband zu gründen.

#1 von Tina am 26. November 2005 - 5:21 PM
Ich hatte (leider?) nie die Möglichkeit einem solchen Popkonzert beizuwohnen. Selbst von einem Freund, der öfter mal backstage sein darf, wurde mir nie solch eine irre komische Story erzählt.
Aber ich muss sagen, sie gibt ungefähr wieder, wie ich mir Boybands “real” vorstelle… also, wie sie wirklich sind. Gecastet und keine Ahnung von nix. Well, na ja. Manche Menschen brauchen einfach sowas. Genau wie manche Deutschland sucht den Superstar brauchen. Castings. Pah. ;)
#2 von jo am 29. November 2005 - 5:38 PM
Schlimmer als die Teddybären mit Briefen fand ich eigentlich die mit Parfüm. Gut, ist auch eine Möglichkeit die Sanitäter kennenzulernen …
#3 von Michael am 21. Dezember 2005 - 7:45 PM
Hi!
Ich war diesen Sommer in Berlin bei “Stars 4 Free” (ich hatte von dort für unser Magazin berichtet). Der Top-Act des Tages (wenn man ihn rein nach der Lautstärke des Publikums beurteilt) waren mit Abstand “US5″ (äh, spricht noch jemand von denen?). Jedes Mal, wenn der Name auch nur genannt wurde, fing das Kreischen an, die Moderatoren hatten ihren sichtlichen Spaß, dies immer wieder auszuprobieren.
Und dann war es soweit, sie kamen auf die Bühne – an dieser Stelle ein herzlichen Dank an die Erfinder der Ohrenstöpsel, ohne sie wäre ich seit diesem Tag taub.
Krieg kann kaum schlimmer sein. Ich befand mich im recht breiten Pressegraben. Hinter mir die kreischenden Girlies, vor mir die singenden Stereotypen, über mich hinweg flogen die Stofftiere wie Flagfeuer. Die meisten schafften es nicht bis zur Bühne und so war es wie das Gehen auf einem Minenfeld, wenn man die Position ändern wollte (so unbedingt muss man die Stofftiere ja auch nicht platttreten, sie können ja auch nichts dafür und schließlich wird sich noch ein Kind für sie finden).
Zwei Leute von der Security waren während des Auftritts intensiv damit beschäftigt, die plüsch gewordenen Tretminen aus dem Graben zu holen – sie kamen kaum nach.
Michael