Die Widrigkeiten des Künstlerlebens


In Mitte vor dem Cafe Caras

Nach dem Shoppen in Berlin-Mitte oder nach einem Essen im Monsieur Voung gibt es einen Ort, den ich besonders gern anschließend frequentiere: Der Coffee-Shop Caras an der Neuen Schönhauser Ecke Rosenthaler Straße – ein wunderbarer Ort. Erstens kann man dort beim Verweilen im Außenbereich sehr lange Sonnenschein genießen, zweitens kann man dort die neuesten Mode-Trends, Sonnenbrillen und Gespräche von Mitte-Boys/Girls miterleben und drittens spielen sich dort immer wieder unfreiwillig komische Szenen ab. Die beiden letztgenannten Punkte hängen manchmal miteinander zusammen.

Wie zum Beispiel am letzten Wochenende, als vor dem Cafe ein dynamisch auftretender, hagerer Anfangdreißiger – mit Sonnenbrille und Lederjacke bekleidet – auftaucht, der in der linken Hand einen Bilderrahmen und in der rechten Hand eine Videokamera trägt. Er schaut sich zunächst kurz um, läuft dann schließlich zielstrebig auf mich zu und stellt sich vor:

Hey, I am from New York and I’m doing an art project here in Berlin“.

Noch einer. Ich nehme dies stirnrunzelnd zur Kenntnis, grüße ihn höflich zurück, nehme einen weiteren Schluck von meinem Milchkaffee, kommentiere seine Aussage etwas lakonisch mit “There are lots of people doing art projects in Berlin” und erfrage sein Begehr. Er teilt mir mit, daß ich nur kurz seinen Bilderrahmen vor mein Gesicht halten müsse und er mich dabei gerne auf Video verewigen würde. So werde ich aktiv Teil seines Kunstprojektes. Meine Begeisterung bleibt aus. Ich teile ihm mit, daß ich mich – abgesehen von meiner Abneigung, von mir unbekannten Menschen auf Video gefilmt zu werden – für Kunstprojekte eher weniger eigne, bitte ihn aber darum, mir die “Art” an seinem Project mal näher zu erläutern – und warum er denn ausgerechnet nach Berlin gekommen sei, um bilderrahmenhaltende Leute mit einer Videokamera zu filmen.

Diese Frage kann er mir nicht erschöpfend beantworten, das sei halt Teil dieses “art project”. Aha. Ich nicke, sage ihm, daß ich für dieses Kunstprojekt offensichtlich der falsche Mann sei und empfehle ihm, sich an eine andere Person in dem Cafe zu wenden – nicht jedoch ohne vorher zu erfragen, wie er denn ausgerechnet auf mich gekommen sei. “You’re the only person here wearing a suit” erwidert er spontan in einem letzten Versuch, mich umzustimmen. Ich sehe mich skeptisch um und mache unter den anderen Cafebesuchern mindestens drei weitere anzugtragende Männer aus. Ich will gerade beginnen, seine Aussage falsifizieren, da ist er auch schon auf der Suche nach einem neuen Opfer.

Diesmal ist es ein sonnenbrilletragender junger Mann, der seinen 20.ten Geburtstag noch vor sich hat. Er ist zwar willens gefilmt zu werden, aber empfindet die Idee, sich den Rahmen einfach vor das Gesicht zu halten als entschieden zu langweilig. Er probiert einige mehr oder weniger komische Posen mit dem Rahmen aus, was wiederum die Pläne des Künstlers durchkreuzt und nur mäßig zu dessen Begeisterung beiträgt. Nach längerer Diskussion, von der ich nur einzelne Wortfetzen mitbekomme, fragt der junge Herr, warum ausgerechnet ER geeignet sei, diesen Rahmen zu halten. Die Frage kommt mir bekannt vor, die Antwort auch ein wenig: “You’re the only person here wearing a lether jacket” höre ich es aus der Ferne, als gerade eine Straßenbahn um die Ecke biegt. Der junge Herr beginnt ihr hinterherzulaufen, nicht jedoch ohne dem Künstler vorher seinen Rahmen zurückzugeben.

Als Künstler hat man es nicht einfach in diesen Tagen.

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