Das Testessen


Zwillinge (lat.: gemini) sind genau zwei Kinder einer Mutter, die innerhalb der gleichen Schwangerschaft herangewachsen sind und in der Regel in Verlauf des gleichen Geburtsvorganges zur Welt kommen.
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Vor längerer Zeit lernte ich eine Frau kennen, die sich durch Charme und durch eine überdurchschnittliche Intelligenz auszeichnete. Da diese Kombination ja nicht häufig anzutreffen ist und durchaus sehr anziehend wirken kann, kam es wie es so häufig kommen mußte: wir verbrachten viel Zeit miteinander und hatten eine äußerst reizende Liäson.

Sie wohnte nicht in der gleichen Stadt wie ich, so daß innerhalb kurzer Zeit mein Flugmeilenkonto anwuchs und ich der Lufthansa beträchtliche Beträge in den Rachen warf, um besagte Dame regelmäßig besuchen zu können.

Schnell stellte ich fest, daß bei ihr die eigene Familie einen besonderen Stellenwert besaß. Das traf jedoch nicht nur auf die Eltern zu, die ich übrigens aufgrund einer traurigen Ironie des Schicksals nie weiter kennenlernen durfte – sondern vielmehr gab es dort eine Zwillingsschwester. Zwischen jener und meiner Angebeteten herrschte eine besonders enge Bande.

Über die enge Verbindung zwischen Zwillingen hört man ja so einiges, nicht zuletzt sollen diese ja häufig zur gleichen Zeit an den gleichen Krankheiten leiden. Ob dem so ist, habe ich nicht eruieren können, dennoch brachte die enge Bande der beiden naturgemäß eine große Neugier für die andere Person mit sich.

Sobald einer der Schwestern eine neue männliche Errungenschaft auf ihrem Punktekonto verbuchten konnte, stieg natürlich die Neugier der jeweils anderen ins Unermeßliche. Wer ist es? Woher kommt er? Was macht er? Wie ist er? Gepaart ist eine solche Neugier natürlich immer mit einem gewissen Neid, insbesondere wenn die jeweils andere temporär keinen menschlichen Bettwärmer auf ihrer Seite verbuchen kann.

Daher half natürlich nichts, man muß herausfinden, ob der Neid gerechtfertigt ist oder ob die erste Begutachtung der Beute eher in einem milden bis mitleidigem Lächeln endet.

Ich stellte mich also geistig schon darauf ein, die hochverehrte Schwester kennenzulernen, beispielsweise im Rahmen einer gemeinsamen abendlichen Aktivität. “Abendliche Aktivität” war gar nicht so schlecht geraten, aber “gemeinsam” traf es nicht hundertprozentig.Gedeckter Frühstückstisch

Als ich also eines Tages bei der Lebensabschnittsgefährtin auf dem Sofa sitze, bemerkt sie ganz beiläufig: “Ja, und dann wartet ja noch das Testessen auf Dich.

Ich sehe ein wenig überrascht auf und frage: “Testessen?

Ja, das Testessen” sagt sie und gießt sich noch einen Tee ein. Dieses Ritual, so fährt sie fort, habe man vor langer, langer Zeit eingeführt, um die jeweils neuen Flammen gegenseitig kennenzulernen. Nichts großes, man würde einfach nur einen Abend zusammen essen gehen - und ich solle mich doch bitte dabei von meiner besten Seite zeigen, damit ich sie nicht vor der Schwester blamiere.

Nach meiner Bemerkung, daß ich ausschließlich über beste Seiten verfüge, bin ich einverstanden und auch ein wenig neugierig: “Ja, also: gern. Wann wollen wir denn essen gehen? Heute?

Heute ist gut“, antwortet sie. “Aber nicht wir – IHR!“.

Wie – IHR?” entgegne ich etwas überrascht.

Nun, um den Charme, die Bildung, den Charakter und die Gentlementauglichkeit des neuen Mannes im Leben der anderen ausgiebig testen zu können, würde eine Anwesenheit des Partners nur die Testergebnisse verfälschen – und das könne die Abschlußbewertung, die natürlich dann zu zweit vorgenommen wird, negativ beeinflussen. Und ich solle mich tatsächlich ein wenig bemühen, die letzten Kandidaten wurden bereits nach wenigen Minuten negativ beschieden und die anschließenden Urteile seien dementsprechend hart ausgefallen. Die Frau Schwester sei eben sehr anspruchsvoll.

Was für ein reizendes Ritual” antworte ich zwar ein wenig überrascht, aber nicht unamüsiert von der Idee. Sie soll ihrer Schwester mitteilen, daß ich sie heute abend um acht Uhr von zuhause abhole. Und einen Tisch im schönsten Restaurant der Stadt solle sie auch gleich reservieren rufe ich ihr zu, bevor ich in die Dusche entschwinde.

Als ich die Schwester schließlich um acht Uhr abhole, bin ich äußerst positiv überrascht. Ein schlankes, großes Wesen mit zartem Gesicht, engelsblonden Haaren und sehr geschmackvoller Bekleidung stellt sich mir als die besagte Schwester vor.

Ich lächle sie äußerst entzückt an, stelle mich höflich vor, helfe ihr in den Mantel und biete ihr meinen Arm an.

Du bist also der neue Gefährte meiner Schwester” fragt sie unschuldig, was ich bejahe und den Small Talk mit den vielen Gemeinsamkeiten zwischen Zwillingsschwestern eröffne. Die Fahrt zum Restaurant gestaltet sich bereits als relativ kurzweilig. Schnell werden Gemeinsamkeiten und Gesprächsthemen gefunden. Die klassische Musik und insbesondere Oper hat es ihr besonders angetan. “Was für ein Heimspiel“, denke ich mir, lächele still in mich hinein und denke an die Geliebte zuhause, die wahrscheinlich gerade vor Neugier platzt.

Das Amuse Geule läßt unsere musikalische Konversationsreise beim Kunstlied von Schubert beginnen, führt uns während der Suppe über die Vielfältigkeiten der Interpretationen von Beethoven-Sonaten und versorgt uns beim Fisch mit einer interessanten Diskussion über verschiedene Aufführungen von Wagners Tristan.

Inzwischen tut auch der Alkolhol zuverlässig seine Wirkung. Da die erste Flasche Chardonnay bereits nachhaltig vernichtet wurde, frage ich bei meiner Abendbegleitung nach, ob wir uns denn auch zum Hauptgang noch eine ganze Flasche von diesem exzellenten Brunello gönnen sollten. “Unbedingt” stimmt sie begeistert meinem Vorschlag zu und verweist auf ihre hedonistische Lebenseinstellung.

Diese Vorlage nutze ich natürlich sofort, um mich von den musikalischen Gefilden auf etwas persönlichere Themen vorzutasten. Zu meinem großen Erstaunen gelingt dies besser als erwartet. So gelangen wir zwischen dem Rehnüßchen-Hauptgang und Topfenstrudeldessert zielsicher zu pikanteren, man könnte sagen, erotischen Themen.

Einige Stunden und nichtendenwollende Nachtische später stelle ich fest, daß wir die einzigen noch verbleibenden Gäste im Restaurant sind. Nur der hohe Betrag der Rechnung – und wahrscheinlich auch die Hoffnung auf ein adäquates Trinkgeld – verbietet es den dienstbaren Geistern der Lokalität bereits mit den Hufen zu scharren.

Viele Stunden später öffne ich ihr die Tür zum Taxi, lasse sie einsteigen und setze mich in den Fond des Wagens neben ihr. Trotz ihrer Contenance ist der Alkolholeinfluß auf beiden Seiten, flankiert durch den äußerst erfreulichen Abendverlauf, nicht zu leugnen.

Als wir nach einer – zumindestens für uns beide – amüsanten Fahrt schließlich vor ihrer Tür ankommen, hält der nicht ganz so amüsierte Taxifahrer an.

Ich sehe ihr tief in die Augen, sie schaut zurück und ich bemerke nochmal ihre außergewöhnliche Schönheit. Nach einem etwas zu langen Blick in die Augen verabschieden wir uns mit jeweils einem Kuß auf die Wangen und einer ebenfalls möglicherweise einen Tick zu langen Umarmung, gepaart mit gegenseitigen Beteuerungen, wie schön der gemeinsame Abend doch war.

Als ich schließlich bei der Liebsten ankomme, wähne ich diese schon längst im Bett. Weit gefehlt. Sie blieb natürlich solange wach, bis ich wieder zuhause ankomme und ihr vom Verlauf des Abends berichten kann.

Und? Wie war’s?” stürmt sie mir entgegen. “Oh, alleine für diesen Abend hat sich diese Reise zu Dir gelohnt” entgegene ich souverän, was zu einem amüsierten, aber etwas skeptischen Blick ihrerseits führt: “Du meinst also, Du hast das Testessen bestanden?” “Mit Bravour” entgegene ich, während ich die Aspirin-Tablette in mein Glas fallen lasse, wo sie anfängt zu sprudeln und beginnt, sich langsam aufzulösen.

Na, das werden wir ja morgen sehen” stellt sie fest, bevor ich schließlich das Licht lösche.

Meine Einschätzung muß anscheinend nicht völlig falsch gewesen sein. Nach einer Beratung der beiden Schwestern war man sich einig, daß bedenkenlos die Höchstnote vergeben werden könne – ja man dachte gar über die Einführung eines “Summa Cum Laude” nach. “Ich hab’s Dir ja gesagt” meine ich augenzwinkernd zu ihr, wenn ich auch bis heute nicht genau weiß, welche Informationen über diesen Abend denn nun tatsächlich zwischen den Schwestern ausgetauscht wurden.

Als ich meine inzwischen verflossene Lebensgefährtin nach einigen Jahren wiedersehe, kommen wir schnell ins freudige Erzählen über alte Zeiten.

Ich teile ihr beiläufig mit, daß ich inzwischen ebenfalls erwogen habe, das Testessen gemeinsam mit einem alten Freund auch bei mir einzuführen, da ich vom Charme dieser Idee nach wie vor angetan sei – was wohl nicht zuletzt auch mit dem damaligen Abendverlauf zusammenhängen dürfte.

Was für ein Testessen?” fragt sie und ich antworte etwas verwundert: “Na, damals mit Deiner Schwester. Was ist denn damit? Gab es neue Kandidatenbewertungen in letzter Zeit?

Das Testessen wurde abgeschafft” teilt sie mir in etwas eisiger Stimme mit. “Abgeschafft?” frage ich verblüfft?

Ja“, führt sie aus, es sei da zu einem kleinen Zwischenfall gekommen. Nach meinem Ausscheiden aus ihrem Liebesleben habe es wohl einige weitere Testessen gegeben – wenn natürlich auch nicht mit den Bewertungen wie bei mir, teilt sie mir mit. “Und?“, frage ich, “warum wurden denn die Testessen dann nun abgeschafft? Mangelte es an geeigneten Kandidaten?

Es habe habe da vor einiger Zeit einen recht attraktiven jungen Herren in ihrem Leben gegeben, der sich anscheinend weniger durch seine Intelligenz als vielmehr durch seine sonstigen maskulinen Qualitäten auszeichnete. “Und? Kam es zum Testessen?” frage ich neugierig.

Nicht nur zum Essen sei es gekommen. Er habe aber wohl die geschätzte Schwester mit dem Nachtisch verwechselt – und diese habe sich erstaunlicherweise nicht dagegen gewehrt, sondern habe sich offensichtlich wohl äußerst gern vernaschen lassen.

Ach was“, stelle ich loriotartig amüsiert fest und erfrage, wie sich denn dieser diplomatische Zwischenfall auf die schwesterlichen Beziehungen ausgewirkt habe.

Oh, das sei gar kein Problem gewesen. Sicherlich habe es eine kurze Phase der Abkühlung gegeben, diese sei aber nicht von langer Dauer gewesen. Blut sei schließlich dicker als Wasser.

Und was ist mit dem Verführer?“, frage ich.

Auch hier sei man sich schnell einig gewesen. Nach einer kurzen Beratung im schwesterlichen Familienrat stellte man fest, daß die Schuld an der ganzen Misere vor allem dem Liebhaber zuzuschreiben sei. Es sei einfach unmöglich gewesen, daß er sich der Schwester unziemlich genährt habe.

Damit war das Thema abgehakt: Der Liebhaber wurde kollektiv verstoßen - man gehe aber davon aus, daß er sich schnell getröstet habe -, die beiden Schwestern vertrugen sich und waren fortan wieder ein Herz und eine Seele.

Nur ein Testessen, das habe bis zum heutigen Tage nicht wieder stattgefunden.

  1. #1 von girl_from_mars am 19. Oktober 2005 - 12:20 PM

    Welch illusteres Zwilingsteam…
    Die Idee des Testessens findet übrigens auch die Miss reizend *schmunzelt* Very chariming…

  2. #2 von Sven am 19. Oktober 2005 - 12:38 PM

    .. diese Lektüre. Amüsant. Mehr davon.

  3. #3 von mcwinkel am 19. Oktober 2005 - 3:55 PM

    Bei sowas wär´ ich nicht dabei! Mir ist/wäre absolut egal, was die Schwester meiner Freundin von mir hält.

    Würde mich höchstens auf sowas einlassen, wenn Threesome anschließend eine Möglichkeit wäre. :)

  4. #4 von girl_from_mars am 20. Oktober 2005 - 4:17 PM

    Oh, selbst bei den vertrauenswürdigen Freundinnen scheiden glatt einige aus. Frau S zum Beispiel werfe ich, trotz viel Sympathie, einen wirklich schlechten Männer-Geschmack vor. Ganz zu schweigen von den Eroberungen meiner Schwester *gähnt*

    Weiterhin problematisch ist der Punkt
    der Herren-Haltbarkeit über ein Wochenende hinaus. Sie wissen ja dass das nicht wirklich meine Spezialität ist.

  5. #5 von Modeste am 26. Oktober 2005 - 6:02 PM

    Wie nett. Auf die Idee, eines Testessens bin ich allerdings noch gar nicht erfallen, allerdings bin ich ja auch bloß einfache Schwester, und habe keinen Zwilling zu bieten. Und der Männergeschmack – da ganz konform mit dem Marsmädchen – geht da zum Glück auch nicht gerade in die gleiche Richtung.

  6. #6 von henri am 17. November 2005 - 10:03 PM

    ich sitze immer noch sehr sehr angetan von diese Roald-Dahl-artigen Story. Wirklich sehr gut.

  7. #7 von mshiva am 31. Juli 2006 - 10:31 PM

    hmmmm … was soll man dazu sagen? schöner schreibstil, laue story. wo endet das ganze? mir fehlt ein wenig die conclusio oder wenigstens ein witziger abgang.

    schöne geschichte wie gesagt und auch durchaus schön geschrieben :-)

  8. #8 von Manuel Götz am 4. Oktober 2007 - 10:04 AM

    Einfach perfekt :)

  9. #9 von ???wie jetzt??? am 7. November 2007 - 4:29 PM

    Redet ihr jetzt über Girl from Mars oder über das Buch “Marsmädchen” von Tamara Bach???

(wird nicht veröffentlicht)