Nach der Wiederkehr aus meinem vierwöchigen Urlaub in Neuseeland gehe ich am heutigen Samstag zum ersten Mal wieder den Kollwitzmarkt entlang. Man merkt: Es ist Wahl – und dementsprechend versuchen verschiedene politische Gruppierungen das Demokratieverständnis des Bürgers in ihrem Sinne zu schärfen.
Schon auf größere Entfernung fällt einem der Wahlwerbestand der Grünen ins Auge, deren Initiatoren dieses Mal eine ganz phantastische Idee hatten, wie sie das Volk von ihrer politischen Arbeit überzeugen: Mit Luftballons. In Grün. Brilliant.

Ich kann mir förmlich das Gespräch der kreativen Werber vorstellen, als sie diese bahnbrechende Idee ausheckten:
Agenturmann 1: “Du, Jean-Luc?”
Agenturmann 2: “Ja, Paul?” (nasal gesprochen: Poooohl)
(Anm. d. Red.: Alle total Kreativen heißen Jean-Luc oder Paul)
Paul: “Du, wir müssen jetzt total kreativ sein.”
Jean-Luc: (schaut betroffen) “Ja, ich weiß, Du. Aber irgendwie fällt mir gar nichts ein. Und das, obwohl wir so eine tolle Partei haben. Sagt jedenfalls der Joschka.”
Paul: “Ja, Jean-Luc. Das macht mich betroffen.”
Jean-Luc: “Läuft der eigentlich wieder, der Joschka?”
Paul: “Ich weiß nicht … vielleicht macht er einen zweiten langen Lauf zu sich selbst?”
(künstlerische Pause)
Jean-Luc: “Du, weißt Du was, Paul?”
Paul: (schaut auf) “Nein, sag, Jean-Luc!”
Jean-Luc: “Wir machen einfach einen total tollen Stand am Kollwitzplatz-Markt. Da wo die ganzen jungen Leute sind. Das ist doch genau unser Klientel! Und da machen wir dann richtig was los. So ein richtig schicker Stand!”
Paul: “Hey, das ist ja eine Super-Idee. Aber … wir haben doch gar kein Geld dafür, Jean-Luc.”
Jean-Luc: “Da hast Du recht, Paul. (Denkpause) Aber …. ich habe eine Idee. Wie wäre es denn mal mit grünen Luftballons? Wir kaufen einfach eine Flasche Helium, lassen Luftballons bedrucken und geben die dann den Leuten in die Hand. Die haben da doch alle Kinder. Das hat bestimmt reißenden Absatz. Und dann ist der ganze Markt grün. (wird euphorischer) Und alle machen Werbung für uns. Der ganze Bezirk voller grüner Luftballons (schmeißt vor Begeisterung die Arme in die Luft). Und alle wählen Joschka (ist vor Begeisterung kaum zu halten)!”
Paul: “(springt vom Sessel auf) Jean-Luc, das ist genial. Und neu!”
Jean-Luc: “Vielleicht stellen wir noch ein paar Sonnenblumen dazu. Das unterstreicht unseren ökologischen Anspruch!”
Paul: “Toll, Deine Idee, Jean-Luc. So machen wir’s. Du bist so kreativ, Jean-Luc.”
Paul und Jean-Luc: (lachend ab)
Ja, Agenturleute haben schon einen harten Job. Leider ging der Plan aber überraschenderweise nicht ganz auf: Auf diese phantastische, werbewirksame Idee sind nämlich auch andere gekommen. Das ist fast so, als würde man für die Oscar-Verleihung das sündhaft teure Escada-Kleid kaufen und feststellen, daß die Schlampe in der Reihe vor mir das gleiche trägt.
Also, auch Luftballons von meiner persönlichen Lieblingspartei PDS.DieLinke.SED und natürlich auch von der SPD. Herr Thierse mit blondem Bart würde übrigens dem Spitzenkandidaten der Grünen erstaunlich ähnlich sehen. CDU und FDP glänzen durch Abwesenheit.
Interessanterweise scheint aber das fröhliche Ballon- und Wahlwerbungszettelverteilen ansteckend zu sein. Auf dem Weg über den Markt hat man nämlich die Möglichkeit, dreimal den Straßenfeger käuflich zu erwerben, für ein Kinderdorf in Afrika zu spenden, eine Veranstaltung des Einsteinjahres zu besuchen, für die Aufforstung des Waldes zu spenden, die Rechte der Frauen zu unterstützen und einen TIP zu kaufen.
Es ist geradezu ein einziger Spießroutenlauf an Leuten, die einen entweder zu einer Spende nötigen möchten oder wollen, daß man ihre Partei wählt. Ich überlege insgeheim, ob ich am nächsten Wochenende mal die Parteistände abklappere und das Personal dort frage, was denn genau der Unterschied zwischen Erst- und Zweitstimme ist und was eigentlich diese Überhangmandate sind. Die schönsten Zitate bringe ich dann vielleicht im Blog. Oder ich lasse mich mal von der PDS überreden, sie zu wählen.
Als ich meine Einkäufe erledigt habe laufe ich am nächsten Straßencafe vorbei. Ein Lateinamerikaner bietet mit Gitarre und Mundharmonika die Ode an die Freude aus Beethovens neunter Symphonie dar, wobei allerdings die Akkorde, die er auf der Gitarre spielt nicht zwangsläufig etwas mit der Melodie der Mundharmoniker zu tun haben. Ich laufe mit hochgeklappten Zehennägeln weiter und frühstücke erstmal bei mir zuhause.
Ich bin zurück in Berlin.

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