Im Supermarkt


Ich meide Supermärkte, wo es geht. Mein Bioladen und der Kollwitz-Markt am Wochenende versorgen mich mit allen notwendigen Viktualien – und das auch noch in hoher Qualität ohne holländischen Treibhausgeschmack.

Ab und zu läßt es sich aber nicht vermeiden, und ich muß eine solche neonbeleuchtete Konsumhölle betreten. Ich versuche eigentlich, diese Tätigkeit auf höchstens einmal im Quartal zu beschränken, indem ich bei einem Besuch in der Metro alle wichtigen, länger haltbaren Utensilien auf Vorrat für drei bis vier Monate kaufe. God praise the 10-Liter-Waschmittelpackung.

Neulich stehe ich jedoch nach längerer Abstinenz mal wieder in solch einem Kaisers-Markt, also in der eigentlich schon bourgeoisen Ausgabe dieser Shopping-Institutionen. Nachdem ich die Auswahl der benötigten Konsumwaren soweit hinter mich gebracht habe, erwartet mich die wahre Herausforderung an der Kasse. In Zeiten allgemeiner Entlassungen Personalknappheit sind natürlich nur zwei von acht Kassen besetzt – mit entsprechenden Warteschlangen davor.

Als alter West-Berliner hat zu Warteschlangen ein äußerst gespaltenes Verhältnis: man steht nämlich immer in der falschen. Das merkte man spätestens damals bei Transit, als man sich nach vier Stunden Wartezeit zu dem entsprechenden Stasi-Trottel Paßkontrolleur des Arbeiter und Bauernstaates vorgearbeitet hatte und der dann drei Autos vor einem beschloß, eine Kaffeepause mit offenem Ende zu zelebrieren. Der erste Urlaubsstreit war natürlich vorprogrammiert, ohne daß man West-Berlin überhaupt verlassen hatte und somit in irgendeiner Form von Urlaubsbeginn sprechen konnte.

Zurück zur Schlange. Inzwischen habe ich das Transportband erreicht. (Anm. d. Red.: Ist jemandem eigentlich mal aufgefallen, daß es für die kleinen Plastikklötze, mit denen man seinen Einkauf von dem des nächsten Kunden abstrennt, kein Wort in der deutschen Sprache gibt? Ich habe lange gesucht – und nichts gefunden.)

Erstaunlichweise wurden mit Einführung der Warnsprüche auf den Zigarettenschachteln auch die neben dem Band gleich über der Quengelware befindlichen Ausgaberegale für jene Sargnägel Genußmittel so umkonstruiert, daß sie einen gleich dem Turm von Pisa fast drohen zu erschlagen – und den Betrachter zusätzlich mit den ganzen Gesundheitssprüchen indoktrinieren, auch wenn jener niemals im Sinne hatte, mit dem Rauchen zu beginnen. Ich fühle mich jedenfalls immer recht unwohl unter diesen im 30-Grad-Winkel zu mir aufgehängten Metallstreben, von denen mir Warnmitteilungen über mögliche Schädigungen meines Erbgutes entgegenleuchten. (Anm. d. Red.: Welcher EU-Beamter hat eigentlich das Wort “Spermatozoen” ausgegraben? Das verstehen ja 70% der Pisa-Bevölkerung nichtmal ansatzweise. Das lustigerweise einzige, was insbesondere Frauen wirklich nachdenklich stimmt, ist die Aufschrift “Rauchen läßt ihre Haut altern” – vielleicht hätte man bei den Sprüchen eher Dinge wie “Rauchen läßt ihre Kosmetika unwirksam werden” oder “Rauchen macht einen fetten Arsch” berücksichtigen sollen.)

Hat man auch diese Hürden überwunden, gab es früher nur eine Begebenheit, die einem vom frühzeitigen Verlassens dieser gastlichen Stätte abhalten konnte: Oma Krawuttke möchte siebenundvierzigmarkneunundfünfzig in passenden Münzen bezahlen, stellt aber bei siebenundvierzigmarkdreiundvierzig fest, daß sie doch nicht mehr genügend Pfennige hat, um nach kurzer Verzögerung den Fehlbetrag von sechzehn Pfennig dann doch noch im anderen Notgroßschenportemonnaie zu finden. Dieser Vorgang wurde inzwischen durch das noch zeitraubendere Bezahlen mit EC-Karte ersetzt.

Bonuskarte Inzwischen hat die Industrie aber bereits weitere Dinge erfunden, die dafür sorgen sollen, daß man das Erlebnis “Supermarkteinkauf” möglichst lange genießen kann: “Haben Sie eine Bonuskarte?” – ich glaube, das T-Shirt “Nein, ich habe keine Bonuskarte” könnte ein ganz großer Absatzrenner werden. Außerdem bin ich immer so latent versucht, laut zu werden und etwas von “Bonuskarte dahin schieben, wo die Sonne nie scheint” zu brüllen. Das verbietet mir dann aber letztendlich meine gute Kinderstube. Die Dame vor mir hat natürlich eine Bonuskarte, sie muß sie natürlich nur schnell suchen, Sekunde, wo ist sie denn, ach, vielleicht im anderen Täschchen, ach, ich glaube, sie ist doch zuhause aufm Tisch … ach, nein, da ist sie ja, können sie die noch nachträglich, das wäre ganz toll …

Da diese aufenthaltsverlängernde Maßnahme aber offensichtlich noch nicht reicht, kommt inzwischen auch die Bonusattackenfolgefrage: “Sammeln Sie Herzen?” – nee, nur von irgendwelchen 85-C-Chicks für eine Nacht, ähm, nein, danke. Meine Antwort auf die Frage ist allerdings genauso relevant wie eine vollständige Bestellung beim Dönermann: wenn man dort “einen Döner mit allem, Knoblauch- und scharfer Soße” ordert, kommt garantiert die Nachfrage: “Mit alles?” und anschließend: “Mit scharfe Soße?”. Genauso ist es auch mit den Herzen. Diese werden einem gemeinsam mit dem nichtbenötigten Kassenbon überreicht, ob man will oder nicht – übrigens von einer Kassiererin, die zur Unterstreichung dieses genialen Marketinggags auch ein Button “Ich habe Herz” trägt tragen muß. Arme Sau.

Ich schmeiße die Herzen (Anm. d. Red.: schöne Allegorie) mitsamt des Bons in den dafür vorgesehenen roten Mülleimer, stelle fest, daß es sich in jenem geradezu um einen Treff der weggeworfenen Herzen handelt und verlasse diesen Ort.

Ich bin raus. Nie wieder Supermarkt.

  1. #1 von werner am 7. Juni 2005 - 11:41 AM

    feine story.
    kompli!
    hätt derlei gern auch in meinem philosophie-board:

    http://www.counterhit.de/board/index-11559.html

    lg,
    werner aus wiener neustadt

  2. #2 von steffi am 7. Juni 2005 - 10:15 PM

    endlich mal jemand, der kapiert hat, dass bio das einzig wahre ist ;-)
    …in jeder hinsicht!

    gruss von steffi (die gerade ein praktikum beim ökoring in visselhövede macht und heute den ganzen tag auf bio-kartoffelackern rumgekrochen ist…)

  3. #3 von Marc am 14. Oktober 2005 - 5:13 PM

    “Die kleinen Plastikklötze, mit denen man seinen Einkauf von dem des nächsten Kunden abtrennt” heißen meines Wissens “Warentrennstab”.

  4. #4 von Millie am 11. Februar 2006 - 11:33 PM

    lese jetzt hier den dritten oder vierten Blog; kommt mir alles so geklaut (hier ist es die Sache mit den Warentrennstäben, hab’ ich schonmal wo gelesen), bzw. sprachlich gewollt und nicht gekonnt vor.

    Tut mir leid…

  5. #5 von Uhu am 19. Oktober 2006 - 9:00 PM

    Nur eine Kasse ist geöffnet,fünf Leute vor dir,eine Dame vor Dir packt das Band voll,alles eingescannt und jetzt zückt sie die EC-Karte!1,2,3 Versuche die Karte funktioniert nicht!Kassiererin:Bezahlen sie doch in Bar! Kundin: Ich guck mal !neh geht nicht! Kassiererin ruft:Storno!!! einige Augenblicke später erscheint die Kollegin mit dem “Stornoschlüssel”nach kurzer Diskussion wie man die Kasse auf Storno stellt ist es geschafft!Ich bin dran,hab ja nur ein Teil! denkste,der Barcode lässt sich nicht lesen auch nicht die darunter befindliche Nummer(Menschenlesbar).Die Kassiererin ruft noch mal die Kollegin mit dem Stornoschlüssel,die dann die EAN Nummer auskundschaften soll.
    Hat alles super geklappt!auch meine Pause war zu ende!
    Beim nächsten mal nehm ich mir wieder was von zuhause mit.
    Uhu

  6. #6 von DIE am 27. Dezember 2006 - 12:29 AM

    muahahha

  7. #7 von shelby am 26. Januar 2007 - 11:39 PM

    So ähnlich ging es mir auch einmal: Nur eine Kasse offen und nur eine Dame vor mir, meine Sachen liegen auch schon auf dem Band. Da meint die gute Frau die an der Reihe ist und eigentlich jetzt bezahlen sollte zur Verkäuferin “Schauen Sie mal diese Kontaktlinsenflüssigkeit, wann läuft die denn ab ich kann das Datum gar nicht erkennen”. Die Verkäuferin begutachtet die Flasche zusammen mit der Kundin mindestens 10 Minuten intensiv und dabei fangen beide an die Jahreszahl entziffern zu wollen. Ein Kunde mit ein paar Sachen ist noch hinter mir. Als die beiden vor mir zu keinem Ergebnis kommen wird erstmal der Filialleiter gerufen. Der kommt dann auch prompt nach weiteren 5 Minuten. Ich und der Kunde hinter mir fangen langsam an ungeduldig zu werden und etwas zu murren, was damit bestraft wird das – inzwischen ja schon zu dritt – das Datum-Rätsel weitere 5 Minuten gemeinsam in Augenschein genommen wird.
    Schliesslich hat es mir dann endgültig gereicht: ich bin vor zur Kasse – Wagen stehen lassen und das Laufband ist immer noch voll von meinen Leckereien – und meine nun im höflichen Ton zu dem Trio: “Da Sie ja soviel Zeit haben sich geschlagene 20 Minuten über das Haltbarkeitsdatum einer Kontaktlinsenflüssigkeit zu unterhalten während andere Kunden warten, wo Sie diesem Kunden ganz einfach eine neue hätten holen können, werden ich Ihnen nun Ihre Zeit stehlen. Wie Sie sehen können ist das Band voll mit meinen Sachen, die ich gerade bei Ihnen erwerben wollte – diese Sachen dürfen nun SIE alle wieder schön ins Regal räumen denn meine Zeit ist nun rum”.
    Gesagt getan alles stehen gelassen und an den Dreien vorbei und raus aus dem Laden – man haben die blöd geguckt – aber das musste einfach mal sein.

    War zwar nervig dann in nen anderen Supermarkt zu gehen und alles nochmal einzukaufen aber wie gesagt manchmal muss es einfach mal sein.

  8. #8 von Sabine Grimm am 13. Mai 2007 - 6:45 PM

    Hallöle, Ihr fleißigen Konsumenten!
    “Nervige Konsumhölle”, sage ich.
    Was mich oft absolut ärgert ist, die Maschinenpistolenmäßige Geschwindigkeit, mit der an der Supermarktkasse die Waren über den Scanner gezogen werden. Wenn man alleine einkauft, selbst als flotter, beweglicher Zeitgenosse, kommt man mit dem Hineinräumen in den Einkaufswagen oder in die Einkaufstasche kaum hinterher. Es ist fast wie bei einem Wettrennen: Wer ist schneller? Schmeißt die Kassiererin mir schneller als ich Luftholen kann die nächsten Teile zu oder schaffe ich es, zuerst wieder etwas vom Band nehmen zu dürfen und einzupacken???
    Es kam auch schon vor, dass ich trotz Eile nicht schnell genug war und noch die einen oder anderen Teile einzupacken hatte, die noch auf dem Band lagen!
    Was soll’s, dachte sich da die Kassiererin und machte direkt beim nächsten Kunden weiter. Sie packte seine Sachen zu den meinen, so dass ich noch etwas mehr einpacken sollte.
    Da half auch das Warenabtrennstäbchen nicht mehr!
    All das finde ich überhaupt nicht cool!
    Was waren das doch für geile Zeiten, als man entspannt und in Ruhe einkaufen und das Bezahlen an der Kasse fast genießen konnte…!!
    Lasst Euch also nicht hetzen, liebe Leute!Denkt an Eure Gesundheit;
    denn Einkaufshektik ist negativer Stress und schlägt aufs Herz.
    In diesem Sinne liebe Grüße
    Sabine Grimm

  9. #9 von Maren Thunert am 9. Juli 2007 - 5:27 PM

    In meinem Supermarkt gibts für die Kinder noch eine Scheibe Wurst auf die Hand und an der Kasse ein Gummibärchen. Immer genug Wagen, die Kasse ist auch nie voll.
    Ich glaube, Ihr lebt im falschen Stadtviertel *lol*

  10. #10 von Boxenmann am 4. Oktober 2007 - 2:27 PM

    Also ich kauf grundsätzlich im Metro ein. Aber ich kenne das zu gut.

(wird nicht veröffentlicht)