Du sagst, du hast es gefunden,
hast ja auch lang genug gesucht,
ein bisschen Normalität
tut uns allen mal ganz gut.
Ich kann nicht glauben, dass du meinst, was du da sagst,
du hast aufgegeben, wenn du mich fragst.
Du warst doch anders als die Andern,
irgendwie speziell,
hattest deinen eigenen Kopf,
du warst gefährlich und schnell,
schleichst mit dem Rücken an der Wand lang
und hast dich verloren,
irgendwo.
— Juli, “Anders”
Bei Frauen um die dreißig findet mit fast an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Wandlung statt, die zwar schon häufig beobachtet und kommentiert wurde, aber jedoch nichts von ihrer Aktualität verloren hat und durch die aktuelle wirtschaftliche Situation nochmal verschärft wird.
Passend zur Erwerbslosigkeit – typischerweie mitverursacht durch die weise Studienwahl Kunstwissenschaften, Germanistik, BWL-mit-Schwerpunkt-Marketing, Psychologie oder auch gern mal Gender Studies – tritt eine plötzliche Eskalation bezüglich der persönlichen Lebens- und Familienplanung auf.
Sofern vor dem endgültigen Ankommen in der Lebens- und Arbeitsrealität das Auswerfen des letzten Notankers in Form des Erwerbs eines Doktortitels nicht in Frage kommt, wird intensiv über die eigene Fortpflanzung nachgedacht.

Hippe Mitte-Girls, mit jeder Clubmarke der Stadt ausgestattet und immer ein Küßchen für den Türsteher bereithaltend werden so plötzlich zu hochqualifizierten Kinderwagenschubserinnen.Nein, man habe sich ja gar nicht so sehr verändert, mit seinen Freundinnen träfe man sich ja auch noch regelmäßig im 103 und im übrigen finden alle den Kleinen ja auch totaaaal süß. Und weißt Du, irgendwann hat sich ja das mit den Clubs, dem Nachtleben und dem Weggehen auch mal. Aha.
Aber es trifft nicht nur die Clubgängerinnnen: Freundinnen, die quer durch Europa reisten, um keine Opernaufführung zu verpassen werden Knall auf Fall zu überzeugten Müttern. Wohlgemerkt, es sei ihnen gegönnt, wenn Da nur nicht dieses plötzliche demonstrative Nichtinteresse an ihrem vorherigen Leben wäre. Ach, das ganze Weggehen, das ist ja irgendwie doch auch langweilig.
Soso. Wenn da nicht die insgeheim neidischen Blicke über den selbstverschuldet unwiderruflich verlorenen Lebenabschnitt wären, wenn man von eigenen Erlebnissen erzählt, dann würde die Geschichte fast glaubhaft wirken.
Übertroffen wird die Überraschung des Freundeskreises über die Eröffnung des neuen Lebensabschnittes eigentlich nur noch durch die Wahl des jeweiligen Lebensabschnittsgefährten, der als Erzeuger herhalten mußte. Konnte früher kein Typ hip, gutauseehend, anders und intellektuell genug sein, wird mit dem Erreichen der 30er-Marke der erstbeste Barkeeper genommen, der dann zur Weitergabe seines genetischen Materials herhalten muß. Natürlich alles höchst geplant – nach den vier Monaten, in denen man sich kennt stellt man fest, man sei quasi seelenverwandt.
Es trifft aber nicht nur die durchschnittlichen Mit-dem-Strom-Schwimmer. Auch bei ansonsten eigentlich klardenkenden und intelligenten Frauen ist dieses Phänomen deutlich zu beobachten.
Die in der Zeit des Vordiploms entstandenen Doppelverdiener-Vorstellungen vom gutaussehenden Akademiker mit einem Monatsgehalt um die 10kEUR-Marke in der geilen 150qm-Prenzlberg-Dachgeschoßwohnung mit Parkett, der sein Geld mit einem 3-Stunden-Tag verdient, total viel Zeit für die Beziehung hat, dabei verständnisvoll ist und dennoch Freiräume läßt, die Freundin auch gern mal mit einem Museumsbesuch überrascht und schließlich neben seinen abendlichen Clubbesuchen natürlich unheimlich Kinderlieb und treu ist, ja diese Träume, die sind dann plötzlich ganz schnell passe.
Ist das Kind dann endlich da, wird nach außen hin demonstrative Freude zur Schau getragen, verbunden mit einem Missionierungsauftrag für die anderen Freundinnen, doch auch endlich mal Kinder zu kriegen.
War diese Infiltration schließlich erfolgreich, wandeln sich auch sogleich die Gesprächsthemen. Anstatt interessanten Diskursen stehen detaillierte Schilderungen über Windelinhalte und Kinderkrankheiten auf der Tagesordnung - der neue Lebensinhalt eben.
Wohlgemerkt: Es gibt einige, bei denen das nicht so ist, aber die Anzahl dieser bewegt sich im geschätzten Promillebereich.
Selbst das alles könnte einem noch egal sein, wenn dieser persönlichkeitsverändernde Vorgang im Stillen vonstatten gehen würde. Nein, vielmehr wird die eigene Leibesfrucht als Demonstration der genetischen Überlegenheit regelrecht zur Schau gestellt. Und jene ist über jeden Zweifel erhaben.
Natürlich ist es überhaupt kein Problem, wenn das Kind im Vorraum der Post beim Anstehen in der Geldautomatenschlange zur Freude der restlichen zwanzig Wartenden ausprobiert, wie oft sich wohl die Geldückgabeschublade des Briefmarkenautomaten lautstark öffnen und wieder schließen läßt. “Ja, fein hast Du das gemacht, Sofia-Emilia.”
Völlige Verblödung in Kombination mit mangelnder Rücksichtnahme ist immer eine explosive Mischung. Manchmal hat man den Eindruck, die 68′er waren ein Scheiß gegen das neue Selbstverständnis von Frau und Kind im 21. Jahrhundert in den Innenstadtbezirken Berlins.
Samstags am Kollwitzmarkt ist es dann besonders schön zu beobachten: wenn sich große Menschenmengen durch die enge Gasse zwängen, in der Tina und Caro mit ihren beiden dreirädrigen Sport-Kinderwägen 80% des freien Weges einnehmen, um den nächsten Cafebesuch zu besprechen. Sofern man hier ein leise Kritik anbringt oder auch nur höflich nachfragt, ob die Diskussion nicht an einen anderen Ort verlagert werden könne, wird dies als hinterhältiger Angriff auf die Mutterehre gedeutet und man erntet verständnislose Blicke mit der Aussage a la “Ich tue wenigstens was für unsere Gesellschaft” oder “Ich werfe keine Atombomben”.
Die einzigen wirklichen Verlierer bei dieser Geschichte sind die Kinder. Deren leiblicher Erzeuger kratzt nämlich nach spätestens 1-2 Jahren die Kurve und Mutti hält sich die nächsten Jahre irgendwo mit Zuschüssen der Eltern, freiberuflichen Webdesign-Jobs und Arbeiten in einer Galerie über Wasser.
Ich wünsche den Müttern jedenfalls, daß ihr neugewonnenes Familienleben tatsächlich so wunderbar und entspannt ist, wie sie es nach außen hin demonstrieren.

#1 von girl_from_mars am 13. Juni 2005 - 5:43 PM
Und so werde ich gute Tante…
*knixt*
#2 von hasin am 14. Juni 2005 - 12:16 AM
gehöre ich zu der kurz angesprochenen minderheit.
und 30 bin ich ja eigentlich auch noch nicht.
äh.. und mein buggy ist klein faltbar und handlicher als handlich da ja sonst (in wien sowieso) stadtuntauglichst, ich schwöre!
und das rechtfertigungsgestotter kommt jetzt daher weil ich mich selbst oft über oben erwähnte ärgere aber halt trotzdem auch bloß ein muttertier bin und deshalb bei mir und anderen verständnisaus-underpressend einen großen kuhblick ‘pronachsicht’ aufsetz ;)
#3 von holgi am 14. Juni 2005 - 2:20 AM
Treffer. Danke.
#4 von che2001 am 14. Juni 2005 - 8:27 AM
Touché. Nachsatz: Doktortitel ist auch kein Anker.
#5 von Thomas Fuegner am 14. Juni 2005 - 9:54 AM
… wunderbar getroffen.
Frauenverachtung pur.
Das “demonstrative Gehabe” ist eben wegen seiner aufgesetzten Art – richtig- DESWEGEN so widerlich, weil die lustige Zeit, die die Mädels miteinander hatten, nicht gewürdigt und das Ende nicht angemessen bedauert wurde. Ein Bachelor Abend ist eben NICHT traurig, leider.
Und die High- Speed- Beziehungen mit nem Barkeeper als Vater und ner High- Speed Schwangerschaft zu krönen ist ja nun definitiv daneben. (Oder sollten wir mal Charles Schumann´s Sohn interviewen?)
Soweit Ok.
Aber das, was sich da bei den Jungmüttern getan hat und tut, ist für jugendfixierte Girlies der Alptraum.
Aber waaarum?
“Was Peter über Paul sagt, sagt mehr über Peter als über Paul.” Hier projeziert doch jemand knallhart und autokinoleinwandgroß die eigenen Neurosen auf die Umwelt:
Kann es sein, daß jemand tatsächlich das Gefühl hat, das ein Kind im Arm eine andere LebensQUALITÄT ist als die 300ste durchsumpfte Nacht mit Speed-/Alk-/ Sex- Kater?
Look Closer.
Think!
Danke, verlinkt!
#6 von tknuewer am 14. Juni 2005 - 10:48 AM
Ein wunderbarer Text. Ließe sich auch auf Hamburg übertragen und den radiodurchsagentauglichen Samstag-Mittag-Kinderwagen-Stau vor dem “Kaufrausch” in Eppendorf.
#7 von Herr Herrner am 14. Juni 2005 - 10:52 AM
Das ist ja alles schön beobachtet und man kann sich vortrefflich darüber aufregen (mache ich ja auch), andererseits: Macht das die Welt schlechter? Können die was dafür? Das Fortpflanzungsprogramm scheint wenigstens bei den Frauen noch zu funktionieren, und wenn der Hormonspiegel dann mal soweit ist, dann wird eben das volle “das ist meins und da pass ich jetzt drauf auf”-Programm gefahren.
Und die Clubmarkenträgerinnen sind trotz abgelegtem Barkeeper und Webdesign-Freelance-Scheisse vermutlich immer noch die besseren Mütter als diejenigen, die keine drei Sätze geradeaus sprechen können (“bildungsferne Schichten”).
Ich stolpere auch ungerne über Kinderwagen, aber genauso ungerne drängele ich mich an Türsteher-Clubmädchen-Klumpen vorbei.
Und auch die Juli-Schnalle wird ihre Lektion sicherlich noch lernen:
Weißt Du noch unter
der alten Brücke
wir hatten uns so fest geschwor’n
anders zu sein
als die Leute in ihren Büros
alles schien so einfach zu sein
doch wir haben von all dem
noch gar nichts gewußt
(Blumfeld: Kommst Du mit in den Alltag?)
#8 von Th Fuegner am 14. Juni 2005 - 12:09 PM
.. hier noch:
http://www.single-generation.de/themen/thema_der_morgen_danach.htm#zitate
#9 von Modeste am 14. Juni 2005 - 4:39 PM
… und sich dann, mit fettigen Haaren und brüllendem Gör auf dem Arm nicht eingestehen wollen, dass man nichts weniger als weggerannt ist vor dem öden Job, dem nächtlichen Beauty-Contest, den richtigen Männern, die einen nicht küssen wollen, und den Falschen, die man nicht küssen will. Mit dem Kind auf dem Arm beim Nola´s auf der Terrasse sitzen, auf alle Freundinnen einreden, dass das Kinderhaben ein großes Ding sei, und allen Grund haben, die ganze Misere hinter der Sonnebrille zu verstecken.
#10 von Thomas Fuegner am 14. Juni 2005 - 9:18 PM
WER LEGT FEST – und warum -
wann frau versagt hat?
WER und mit welchem Recht???
Ich glaube, DA liegt die Anmaßung, die bewirkt, daß da außer der Beobachtung auch Verachtung “mitschwingt”
…
Keine sehr gewagte These, denn in anderen Ländern sieht man / frau es GENAU SO:
“Eine Frau, die KEIN Kind zur Welt gebracht hat, DIE hat “als Frau” versagt.”
Wohlgemerkt: Nicht als Mensch. Nicht als Arbeiterin, nicht als was auch immer.
Aber als Frau: Versagt.
Buchstäblich. (i.S.v.: Sich das Frau-Sein VerSagen)
#11 von foo am 14. Juni 2005 - 9:41 PM
man koennte auch sagen, sie werden erwachsen. manche auch wieder nicht so erwachsen, dass sie ihre situation nicht rechtfertigen muessten, aber immerhin.
#12 von zaphodb am 14. Juni 2005 - 10:13 PM
Locker bleiben, ihr lieben Kinderlosen.
Wie die Stimme der freien Welt woanders heute schon sagte :-) Jeder kriegt, was er verdient. Ob ich mein Kind und die gerade “zugelaufenen” wirklich verdient habe, weiß ich zwar nicht. Aber Spaß macht es.
Wer pro oder contra Kinder missioniert, projiziert bloß den eigenen Frust auf das jeweils andere Lebensmodell. Das trifft auf “die Stimme” genauso zu wie auf Teile der Karikierten.
#13 von Casino am 15. Juni 2005 - 2:17 PM
Huibuh. Das hört sich aber anstrengend an. Liebe Stimme, ich hatte wirklich keinen Bock mehr auf Clubs. Modeste, versagt? Wo denn? Versteh ich nicht.
Ich hab doch mehr als ihr Kinderlosen, ich hatte Clubs, Männer, sogar ein Motorrad (das vermisse ich als einzigstes) und jetzt hab ich meine liebe kleine wilde Meute. Ja, ich war mit Zwillingswagen auf dem Kollwitzmarkt, aber damals war der noch nicht so in, es gab weniger schlechtgelaunte Flaneure im Sonntagsdress..
So klare Kausalketten sind immer nur Polemik, niemand kriegt Kinder, um Dir etwas zu beweisen, mit meinen Kindern werd ich doch nichts demonstrieren, sie sind keine abstrakte Verhandlungsmasse wie in Deinem Text, es sind konkrete kleine geliebte Menschen. Wenn Du keine Kinder willst, mein Gott, who cares? Ich war genervt von Deiner Mütterschimpfe und würde gerne mit paar Theorien über die no-kids-Hysterie kontern, aber nein! Dann bin ich schon Missionarin, und das steht mir nicht, und ich muss jetzt langsam auf die Optik achten, nach drei Kindern und viel mehr Männern. Aber wenn man die Moralkeule schwingt, selbst wenn mans so überaus elegant tut wie du, dann den Spiegel nicht vergessen.
Hach, war nett eigentlich.
#14 von Emmanuelle am 24. September 2006 - 12:34 PM
hallo, schreiber dieses textes!
wie bist du eigentlich auf die welt gekommen und wie hast du deine ersten lebensjahre verbracht – richtig, daran war deine frau mama beteiligt und – so hoffe ich zumindest – sie hat wohl auch mit dem selben stolz und mutterglück anderen von ihren kindern und ihrem leben mit diesen erzählt, wie die frauen, die du scharfer kritik unterzogen hast… es ist mir also schleierhaft, wie du das mutterdasein (und andere hier im forum) derart neg. beschreibst und empfindest!
klar, sich vom erstbesten typen schwängern lassen, ist nicht gerade die beste herangehensweise. aber könntest du dir vorstellen, dass es menschen gibt, die durchaus seelenverwandt sind, sich lieben, aus dieser liebe heraus eine familie gründen und sich, ihre fähigkeiten und ihre zeit gerne in ihre kinder investieren, weil sie diese lieben?!
vielleicht klingt dir das alles zu sehr nach “heile-welt” und “liebe”, aber stell dir vor: ich glaube tatsächlich daran, dass es eine bestimmung für den menschen gibt, die über das karriere-machen, möglichst gut leben, viel vom leben haben, geht. und zu dieser bestimmung gehört für mich ganz klar die familie! und sollte ich mal nicht durch eine enge gasse kommen, weil da ein breiter kinderwagen mit einer möglicherweise übereifrigen mama steht, dann werde ich mich darüber sicherlich nicht aufregen – meine nerven spar ich mir lieber für dinge auf, die ich TATSÄCHLICH empörenswert finde…
herzlichst, Emmanuelle
#15 von Lisa am 7. Januar 2007 - 9:26 PM
Wie wär´s mal mit einem Tragetuch??
#16 von guerteltier am 14. November 2008 - 2:41 PM
…guckt ihr hier – passendes Lied zum Thema:
http://www.lastfm.de/music/Patrouille/_/Und+am+Prenzlauer+Berg+herrscht+die+Angst+vorm+Versagen
#17 von schelmine am 16. Juni 2011 - 12:50 AM
Ich fand deinen Text lustig :-) und hab mich gut amüsiert, da ich das geisteswissenschaftliche Akademikerinnenklientel im Twen- und Ü30-Alter gut kenne und ich finde, dass du es gut wiedergegeben hast. Nur den Barkeeper als Last-Minute-Sperma-Lieferanten halte ich für etwas unrealistisch. ;)Vielleicht bei den Studentinnen der Bildendenden Künste angesagt, aber Germanistinnen, Kulturwissenschaftlerinnen etc. halten sich dafür wahrscheinlich zu kultiviert oder würden die Samenbank in Uppsala bevorzugen ;-)
#18 von kficola am 10. August 2011 - 2:51 PM
Bedanken wir uns bei den Müttern! Diese fast schon männerhassend erzogenen jungen Damen tragen/schieben eben jetzt ihre Kinder mit der gleichen Ignoranz durch die Gegend, so wie vorher ihr unrealistisches Bild von einem Leben mit dem romantischen Alleskönner. Die Kinder sind nun wirklich nicht das Problem.
#19 von derOley am 28. September 2011 - 5:09 AM
Gott, liebe ich diesen Artikel!!!!!!